Myra Warhaftig

Unsere Freundin und Gründerin der Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten Myra Warhaftig ist am 4. März 2008 gestorben. Wir haben eine Gerechte verloren, die durch ihr nie nachlassendes Engagement wunderbare Verbindungen geschaffen hat und die uns mit ihrer Energie inspiriert hat.

warhaf_s

Nachruf aus StadtBauwelt Nr. 177 vom 28. März 2008

Am 4.3.2008 ist die israelische Architektin und Bauhistorikerin Myra Warhaftig in Berlin gestorben. Nach dem Architekturstudium am Technion in Haifa ging sie nach Paris, wo sie im Büro von Candilis, Josic und Woods an der Berliner FU-“Rostlaube” arbeitete, und dann nach Berlin, wo sie ihre akademischen und publizistischen Fähigkeiten entdeckte. Ihre Forschungen an der TU Berlin zum “Emanzipationshindernis Wohnung” waren nicht nur Thema der Frauenbewegung und der Funktionalismus-Kritik, sondern auch einer der raren Beiträge zur Grundrissqualität im modernen Wohnungsbau. Im Rahmen der Neubau-IBA gelang es ihr im oft zitierten Kreuzberger “Block 2”, dieses Wohnungsbauprojekt 1992 zu realisieren.
Die große Lebensleistung von Myra Warhaftig war die kulturelle Restitution des Lebens und Wirkens von circa 500 deutschen Architekten und Architektinnen jüdischen Glaubens, die ab 1933 von den Nationalsozialisten gezwungen wurden, ihren Beruf aufzugeben, ihr Land zu verlassen, die verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Auf diese Arbeit hat Myra Warhaftig die letzten Jahrzehnte ihres Lebens verwandt, hat internationale Ausstellungen organisiert, Vorträge gehalten, Gutachten verfasst und zwei grundlegende Publikationen vorgelegt – lange Jahre mit nur spröder öffentlicher Resonanz, gegen oft obskure Einwände und fast nie mit der nötigen materiellen Absicherung. Durch ihren stupenden Einsatz, ihre akuraten Recherchen und weit gespannten Kontakte wurde dieses vom Vergessen und Verdrängen bedrohte Erbe bewahrt und der fundamentale Wert des Oeuvres dieser Architekten für die westliche Baukultur und für Entstehung und Transformation der Moderne im Kern gesichert. Die Realisierung der fest verabredeten Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin zu diesem Thema wird nun deutlich schwieriger – gleichwohl bleibt sie das eigentliche Vermächtnis dieser zarten und zugleich so unglaublich starken Frau.

Günter Schlusche

In memoriam Myra Warhaftig 2008
Veranstaltung in der Akademie der Künste,
Mittwoch, 18. Juni 2008, 19 Uhr

Die Veranstaltung fand zur Erinnerung an Myra Warhaftig statt und ist dem Leben und Wirken der ca. 500 deutschsprachigen jüdischen Architekt/Inn/en gewidmet, die nach 1933 von den Nationalsozialisten verfolgt, mit Berufsverboten belegt, vertrieben, deportiert und ermordet wurden. Die vor wenigen Monaten unerwartet verstorbene israelische Architektin und Bauforscherin Myra Warhaftig hat die letzten 30 Jahre ihres Lebens für die biographische und die Werkforschung dieses oft in Vergessenheit geratenen Personenkreises verwandt. Ihre fundamentalen Publikationen haben den Grundstein für die öffentlichen Erinnerung an diese Menschen und für die kulturelle Rehabilitation dieses besonders für Berlin prägenden Erbes der Architektur der Moderne gelegt. Ziel der Gedenkveranstaltung, die von der „Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten e.V.“ gemeinsam mit der Architektenkammer Berlin durchgeführt wird, ist es, diese Arbeiten fortzuführen, zu intensivieren und dauerhaft zu verankern.

Redner:
Dr. Günter Schlusche, Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens jüdischer Architekten e.V.
Dipl. Ing. Klaus Meyer-Hartmann, Präsident der Architektenkammer Berlin
Orly Fatal-Warhaftig, Tel Aviv
Prof. Dr. Andreas Nachama, Direktor der Stiftung Topographie des Terrors, Berlin
Sybille Fanelsa, Kuratorin, Berlin
Prof. Daniel Eisenberg, Art Institute Chicago, USA
Ellen Rothenberg, Art Institute Chicago, USA

Publikationen von Myra Warhaftig

02_Deutsche Juedische Architekten vor und nach 1933 - Das Lexikon                          01_They Laid the Foundation

04_PP37_01                             05_Frau und Wohnung 2

06_Frau und Wohnung 1                     03_Spiel mit den Wohnkuben

[2005] Myra Warhaftig, Deutsche Jüdische Architekten vor und nach 1933 – Das Lexikon, Berlin

[2003] Myra Warhaftig, The Jewish Architects of Berlin, in: Erez Magazine, Israel April/Mai 2003, S. 32-37

[2002] Myra Warhaftig , Erinnerung an Moritz Ernst Lesser (10. März 1882 – ?), in: Bauwelt 10/2002, S.4

[2001] Antje Hansen, Oskar Kaufmann. Ein Theaterarchitekt zwischen Tradition und Moderne, Berlin

[2000] Myra Warhaftig, Zum 100. Geburtstag von Arieh Sharon, in Bauwelt 19-20/2000, S. 8

[2000] Myra Warhaftig, Wohnungen der kurzen Wege: Alexander Klein, in: Der Architekt 6/2000, S. 20-22

[1999] Myra Warhaftig , Die Gebrüder Hadda und Heinrich Tischler. Drei Architekten aus Breslau, in: Deutsches Architektenblatt, 1/1999, S. 28-29

[1999] Myra Warhaftig, Architektur als internationaler Kulturträger in Abhängigkeit von Wirtschaft und Politik. Zu Emanuel Josef Margolds Zeitdokumentation, Nachwort, in: Bauten der Volkserziehung und Volksgesundheit, Emanuel Josef Margold (Hrsg.), Berlin 1999

[1999] Myra Warhaftig, Das Glas bringt uns die neue Zeit; Backsteinkultur tut uns nur leid. Zu Arthur Korns Zeitdokumentation, Nachwort, in: Glas. Im Bau und als Gebrauchsgegenstand. Arthur Korn, Berlin 1999

[1998] Myra Warhaftig, Der Aufstieg und der Fall des “Neuen Bauens”. Zu Leo Adlers Zeitdokumentation, Nachwort, in: Neuzeitliche Miethäuser und Siedlungen, Leo Adler (Hrsg.), Berlin 1998

[1997] Myra Warhaftig, Jüdische Architekten vor und nach 1933, in: Architektur und Ingenieurwesen zur Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft 1933-1945, Berlin 1997, S. 157-177

[1996] Myra Warhaftig, Sie legten den Grundstein, Leben und Wirken deutschsprachiger jüdischer Architekten in Palästina 1918 – 1948, Tübingen/Berlin

[1996] Myra Warhaftig, Zum 100. Geburtstag von Hellmut Salinger, in: Bauwelt 30/1996, S. 1703

[1996] Myra Warhaftig , Monumental – expressiv – theatralisch. Zur Architektur Oskar Kaufmanns, Nachwort, in: Oskar Kaufmann, Berlin 1996

[1992] Myra Warhaftig, Max Landsberg, Berlin 1878 – Berlin 1930, in: Mitteilungen, Berlin, 4/1992, S. 18-23

[1991] Myra Warhaftig, Leo Adler, 1891 – 1962, in: Bauwelt 39/1991, S. 2083

[1990] Myra Warhaftig, Alex Baerwald, Berlin 1877 – Jerusalem 1930, in: Bauwelt 32/1990, S. 1562-1564

[1989] Myra Warhaftig, Alexander Klein zum 110. Geburtstag, in: Bauwelt 23/1989, S. 1024

[1989] Myra Warhaftig, Die Künstlerhäuser des Harry Rosenthal für Arnold Zweig und Josef Thorak, in: Bauwelt 40-41/1989, S. 1962-1963

[1989] Myra Warhaftig, Siedlungsgenossenschaft Merchavia von Alex Baerwald, in: Architektur-Experimente in Berlin und anderswo für Julius Posener, Berlin 1989, S. 164-171

[1986] Myra Warhaftig, Deutsches und österreichisches Architekturerbe in Israel, in: Kunst und Kirche, Darmstadt 4/1986, S. 256-261

[1984] Myra Warhaftig, Berlin 750 – Tel Aviv 75, in: Bauwelt 47/1984, S. 2012-2013

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA
KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERA

M.Warhaftig_FU-Rostlaube_foto m.hawlik