Guided Tours 2014

Einladung zur Architekturführung am Tag des offenen Denkmals 2014
Wohnblock „Sonnenhof“, Berlin-Lichtenberg, Erwin Gutkind 1925-27

Führung: Claudia Marcy
Sonntag, 14. September 2014, um 14:00 Uhr
Treffpunkt: Archenholdstr. 72, 10315 Berlin
Verkehrsverbindung: Bhf. Lichtenberg
Kontakt: info(at)juedische-architekten.de

1925-27 errichtete der jüdische Architekt Erwin Gutkind die Wohnanlage „Sonnenhof“, ein Beispiel sozialreformerischen Wohnungsbaus in der Weimarer Republik. Die als Blockrandbebauung konzipierte Anlage umschließt einen großzügig begrünten Innenhof mit eigener Kindertagesstätte. Hell verputzte Fensterbänder und mit Backstein verkleidete Brüstungsfelder bestimmen die Fassade. Seit 1997 wird die denkmalgeschützte Anlage schrittweise saniert.

Protokoll zum Tag des offenen Denkmal 2014: Wohnblock „Sonnenhof“ Erwin Gutkind 1925-27, von Claudia Marcy
ca. 30 Teilnehmer

Vorstellung des Vereins
Allgemeine Entwicklung des Siedlungsbaus

Erwin Gutkind (1886 Berlin – 1968 Philadelphia)

Gehört zu den jüdischen Architekten, die das Bild von Berlin nachhaltig geprägt haben und trotzdem in Vergessenheit geraten sind. Ob in Steglitz, Spandau, Tegel, Reinickendorf, Lichtenberg, Pankow oder Tempelhof, in fast allen Stadtteilen von Berlin stehen seine noch heute erhaltenen Wohnblöcke, in denen er sich intensiv mit dem neuen Bauen auseinandersetzte.

Gutkind wuchs als Sohn einer hochgebildeten wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie auf. 1905 begann er ein vierjähriges Studium an der TH Charlottenburg in den Fächern Architektur, Stadtplanung, Soziologie und Kunstgeschichte. Dem folgte noch eine Dissertation zum Thema „Raum und Materie“, die er 1914 abschloss.
Bis zu seiner Selbstständigkeit 1923 war er im Regierungsdienst tätig (Planungsberater für den Wiederaufbau in der Waffenstillstandskommission,  Reichskommissariat für Wohnungswesen sowie Referent im Reichswohlfahrtsministerium).
1923/24 baute er seine erste Siedlung: 21 Doppelhäuser in Spandau für die Angehörigen der Fliegerakademie, genannt Neu-Jerusalem. Dieser folgten zahlreiche weitere Wohnanlagen:

1924-25 Wohnhausgruppe Berlin-Lankwitz (zerstört)
1924-25 Wohnblock Pankow
1925-27 Wohnblock Sonnenhof Berlin Lichtenberg
1926-29 Wohnanlage Reinickendorf I, „Pfahler-Block“
1928-29 Wohnanlage Reinickendorf II
1929 Josty-Hochhaus (Projekt)
1929-30 Wohnanlage Residenzstraße Reinickendorf
1929-32 Siedlung am Francke-Park, Tempelhof
1931 Wohnanlage „Weinbrennerweg“, Reinickendorf

Er war Mitglied im BDA, DWB, AIV.
Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten flüchtete Gutkind im April 1933 nach Paris. Hier lebte er in ärmlichen Verhältnissen, da er sein Vermögen zurücklassen musste und keine Arbeitserlaubnis erhielt. 1935 emigrierte er nach England (Hampstead, London) und arbeitete dort als Berater der Abteilung Stadt- und Landesplanung. Weiterhin war er Direktor des neu gegründeten Forschungsprojekts „Demographic Survey of the 1940 Council“, übernahm Beratertätigkeiten und publizierte in Fachzeitschriften. Die verstärkte Auseinandersetzung mit Themen wie Städtebau und Umwelt führten dazu, dass er 1956 einen Ruf an die Graduate School of Fine Arts (Philadelphia) – Institute of Urban Planning erhielt.

Im Alter von 70 Jahren begann er die Geschichte des Städtebaus zu verfassen „International History of City Development“, die seine Tochter vollendet. 1968 erhielt er den Berliner Kunstpreis für Baukunst der Akademie der Künste, den er nicht mehr persönlich entgegennehmen konnte. Im selben Jahr starb er in Philadelphia.

Wohnblock „Sonnenhof“, Berlin Lichtenberg
1924 schlossen sich Mieter und Wohnungsspargenossenschaften als Gesellschafter zur „Stadt-Land-Siedlungsgesellschaft mbH“ zusammen. Diese beauftragte Gutkind 1924 erstmals mit einer Wohnanlage für die Rummelsburger Straße, die aber nicht ausgeführt wurde. Es folgte ein weiterer Auftrag für einen Wohnblock entlang der Marie-Curie-, Dehlbrück-, Archenhold- und Bietzkestraße.

Beschreibung:
– drei- bis viergeschossige Blockrandbebebauung, Größe 230 x 80m, Betonskelett, flaches schwach geneigtes Dach, zurückgesetzte Hauseingänge, gestufte Ecklösungen, Kindergarten im Inneren
Fassade außen: Klinker, Sichtbeton (schräger Fenstersturz) und Putz im Wechsel, bandartig, horizontale Betonung durch weiße Fugen unterstützt, einheitliches Fensterformat, geschlossenen Wirkung der Fassade Schutz nach außen, Backsteinflächen symbolisieren die Langlebigkeit und Wiederstandfähigkeit
Fassade innen: leicht helle Putzflächen, farbige Akzente, Balkone nach innen sich öffnend = Verbindung von Privatem und Gemeinschaftlichem, Treppenhäuser setzen vertikale Akzente
Neuerung: Erschließung ganzer Straßenzüge, Abgrenzen nach außen und Öffnen nach innen – lichte helle Innenräume mit großem Garten, Kindergarten und Spielplätzen
Gartengestaltung von Gustav Allinger und Karl Förster: Umlaufender Fußweg mit Hausgärten, rahmender Baumbestand mit parkähnlichen Freiflächen
Karl Förster: Gärtner, Staudenzüchter, bekannt ist sein Versuchsgarten in Bornim bei Potsdam, in dem er ein 5.000 qm großes Ackerland mit verschiedenen Beettypen und Pflanzen und Stauden gestaltete
Besonderheit: Treppenhäuser an der Ecken, Plastizität, Körperlichkeit, funktionalistisch-konstruktivistisch, ideale Lösung für die dunkle Treppenhausecke und das Zusammenführen der Blockkanten

Besonders gelungen war die Besichtigung einer gerade freistehenden Wohnung: Herr Dyckhoff, Hauswart des Sonnenhofes, hat uns den Zugang ermöglicht und aus seinen Erfahrungen mit der Siedlung aus heutiger Sicht berichtet. Wohn- und Schafräume liegen zur Straße hin, während Küche, Bad und Kammer zum Hof hin ausgerichtet sind. Außerdem zeigte er uns noch ein saniertes Treppenhaus.
Die Wohnanlage, die heute der HoWoGe gehört, wird derzeit saniert und mit neuen Fenstern versehen. In den Treppenhäusern wird der unterschiedliche Farbanstrich wiederhergstellt. Herr Dyckhoff erzählte, dass die Bewohner gern in der Wohnanlage leben, nicht zuetzt wegen der bezahlbaren Mieten.

Weitere Wohnanlagen in den Gegend:

Wohnanlage des Architekten Goettel: Pappelhof, Ulmenhof, Erlenhof 1929-31
Wohnanlage Mebes und Emmerich 1927-29
Rupprechtblöcke Berlin-Lichtenberg, 1925-30, Bruno Ahrends
Wohnanlage Metastraße Paul Rudolf Henning,
Friedastraße Adolf Rading 1930-33, Anlage für das Existenzminimum, für 190 Arbeitslose
Wohnanlage „Alte Fabrik“, Irenenstraße, Volker Raatz 1930