Guided Tours 2012

Invitation to the Association’s guided architectural tour in Gorzów Wielkopolski, Poland
(former Landsberg a. d. Warthe) Two buildings of Berlin architect Fritz Crzellitzer – Volkswohlfahrtshaus and Volksbad
Guides: Robert Piotrowski and Dr. Günter Schlusche
Saturday, March 10th, 2012
Meeting point: Bahnhof Berlin Lichtenberg, Gleis 17, at 8:30 or Bahnhof Gorzów Wielkopolski at 11:30
Arrival in Gorzów Wielkopolski at 11:27
Return: from Gorzów Wielkopolski at 17:14
Arrival in Berlin Lichtenberg at 20:28
Because we need to know the number of participants for buying the group ticket, we ask you to register by
March 7th 2012 with Jutta Sartory (jutta@juttasartory.de)
Report on the Architectural Tour by Dr. Günter Schlusche and Claudia Marcy
Stadtführung von Robert Piotrowski (Historiker, Gorzów) und Dariusz Baranski (Journalist Gazeta Wyborcza, Gorzów) mit Jutta Sartory, Claudia Marcy, Markus Hawlik und Günter Schlusche
Gorzów ist eine 50 km östlich von Küstrin/Kostrzyn liegende Stadt in der Woiwodschaft Lebus (früher Warthegau) mit ca. 125.000 Einwohnern, die im 2. Weltkrieg stark zerstört wurde und danach aufgrund der politischen Zäsur einen radikalen Bevölkerungsaustausch verbunden mit einem wirtschaftlichen Strukturwandel erfuhr.
Die Exkursion nach Gorzów kam aufgrund des Kontakts mit Robert Piotrowski (robert.piotrowski@gmx.de) zustande, einem polnischen Historiker aus Gorzów, der an der Viadrina in Frankfurt/Oder studiert hat. Er hatte sich an unsere Gesellschaft wegen Informationen über den jüdischen Architekten Crzellitzer gewandt und uns darauf aufmerksam gemacht, dass es in Gorzów mehrere Bauten von Crzellitzer gibt.
Robert Piotrowski führte uns gleich zu Beginn unseres Rundgangs in das neuerbaute Einkaufszentrum Askana außerhalb der Altstadt, wo in einer großen Glaspassage im 1. OG die Skulptur des jüdischen Landsberger Textilfabrikanten Herrmann Hirsch Landsheim (1818 – 1890) steht, die von ihm mit initiiert wurde.
1. Station
Erste Station war das ehemalige Volkswohlfahrtshaus an der Ulica Dabrowskiego nördlich des Altstadtrings, das 1913-14 von Fritz Crzellitzer (1876 Berlin – 1942 Tel Aviv, s. Myra Warhaftig: Deutsche Jüdische Architekten vor und nach 1933 – Das Lexikon, S. 110 ff.) erbaut wurde. Finanziert wurde das Gebäude wie auch das Stadtbad von dem Landsberger Bürger Max Bahr, einem Industriellen (Jutefabrikant) und zugleich Begründer der Wohlfahrtshaus AG, der 1930 starb und dessen Sohn 1945 zu Kriegsende auf seinem Betriebsgelände unter nicht ganz geklärten Umständen erschossen wurde. Das Gebäude, das heute als Fachoberschule für Elektrotechnik „Henryk Sucharski“ (Widerstandskämpfer gegen die deutsche Besatzung) genutzt wird, hatte ursprünglich eine Sporthalle, eine Bibliothek mit Leseraum und Vereinsräume für Jugendorganisationen, wurde aber bald nach Fertigstellung als Lazarett für die verwundeten Soldaten des 1. Weltkriegs genutzt. Ab 1920 war es eine Schule. Im 2. Weltkrieg wurde der niedrigere Gebäudeteil mit der Turnhalle zerstört und nach 1945 als Schule neu bebaut. Im Innenhof des Volkswohlfahrtshauses war der Sammelplatz für die Juden von Landsberg, von wo aus sie in die Konzentrations- und Vernichtungslager abtransportiert wurden.
Im Schulgebäude wurden wir von dem Schuldirektor, Herrn Stanislaw Jodko empfangen, der uns durch das gesamte Gebäude führte und uns die gut ausgestatteten Schulräume zeigte. Die Geschichte des Gebäudes ist ihm bekannt und wird auch im Flur des 1. OG mit alten Ansichten dargestellt, von der Innenausstattung ist jedoch nicht mehr viel übrig geblieben. Das Gebäude hat jetzt eine helle Putzfassade und 6 Fensterachsen, das Dachgeschoss wurde zu einem 5. Vollgeschoss ausgebaut. Die Schule hat derzeit 500 Schüler, ist jedoch in einem guten baulichen Zustand und erfüllt die Anforderungen an ein gutes und funktionales Schulgebäude nach Auskunft von Herrn Jodko bis heute sehr gut. Gleichwohl gibt es Überlegungen für einen Schulneubau am Stadtrand von Gorzów, die aber wegen der aktuellen Finanznot der Kommune nicht weiterverfolgt werden.
Robert Piotrowski informierte uns auch darüber, dass die Verbindung von Crzellitzer nach Gorzów über seine Frau, eine geborene Schoenflies aus Landsberg, zustande gekommen sein muss. Der Familie Schoenflies, die eine Zigarrenfabrik besaß, entstammte auch der bekannte Mathematiker Arthur Moritz Schoenflies. Ein von ihm gestifteter Park erinnert noch heute in Gorzów an die Familie. In Landsberg gab es auch eine Landratsvilla und ein Landratsamt des Architekten Friedrich Schulze-Naumburg, die an der alten Reichstraße 1 nach Königsberg lagen, aber im 2. Weltkrieg zerstört wurden.
2. Station
Zweite Station war das im gleichen Block am Altstadtring (Ulica Wladislawa Jagielly) liegende und ebenfalls von Fritz Crzellitzer entworfene Volksbad (1928-30).
Es ist ein sehr beeindruckender kubischer Ziegelbau mit einem vorspringenden hohen und asymmetrisch platzierten Eingangserker aus glasierter Keramik und mit zwei keramischen Plastiken auf den Gebäudeecken, einem liegenden Mann und einer liegenden Frau. Die Keramiken wurden von der Fa. Richard Mutz aus Gildenhall bei Neuruppin hergestellt und sind von außergewöhnlicher Qualität. Die an Mutz erinnernde Inschrift im Gebäudeinneren wurde nach 1945 abgeschliffen, ist aber noch zu erkennen.
Zum Komplex gehört ein dreigeschossiges Verbindungshaus – hier befanden sich früher Behandlungsräume – und ein bis zur nächsten Straßenecke geführter fünfgeschossiger Wohnungsbau mit liegenden Fenstern und Keramikgesimsen, der aber funktional und rechtlich inzwischen abgetrennt ist. Das Stadtbad befindet sich im Besitz der Stadt, wird vom Landsberger Sportverein Gorzovia betrieben und wurde bis vor kurzem in seiner alten Funktion genutzt, nach dem Neubau eines größeren Schwimmbads wurde es aber in eine Sporthalle umgebaut. Die Innenarchitektur ist jedoch weitgehend erhalten. Insbesondere der große stützenfreie Innenraum, die farbige keramische Ausstattung der Innenwände, die alten Umkleidekabinen an den Längsseiten, die gebänderten Terrazzoböden, die Geländer und das große Glasdach geben dem Bau ein sehr charakteristisches Gepräge, das stark an die expressionistischen Bauten von Höger und an die Australische Botschaft von Crzellitzer in der Wallstr. in Berlin-Mitte erinnert. Das Gebäude ist trotz des Umbaus zur Turnhalle in einem ziemlich guten Zustand und wird bei weitgehendem Erhalt des ursprünglichen Zustands voll genutzt.
Im Eingangsbereich des Stadtbads befindet sich eine Büste von Max Bahr, die von einem Verein ehemaliger Landsberger Bürger, wohl aus Deutschland, gestiftet wurde, nachdem die originale Skulptur nach 1945 zerstört wurde. An Max Bahr und die von ihm initiierten Gebäude wird jetzt auch in den touristischen Informationen zu Landsberg wieder erinnert, die Zeit der Tilgung aller an die deutsche Zeit erinnernden Spuren ist wohl vorbei. Trotzdem gibt es viele gemeinsame Verbindungslinien zwischen der früheren deutschen und der heutigen polnischen Zeit, die wieder bekannt gemacht und aktiviert werden sollten. Über den Berliner Architekten Crzellitzer z.B. scheint man in Gorzów, ausgenommen Herr Piotrowski, praktisch nichts zu wissen. Umso interessanter war, dass Herr Piotrowski für uns auch den Kontakt zu Herrn Baranski, dem Leiter der Landsberger Redaktion der in ganz Polen erscheinenden Tageszeitung Gazeta Wyborzca vermittelt hatte. Herr Baranski führte auch ein kurzes Interview mit Günter Schlusche, in dem er nach den Gründen für unser Interesse und nach unseren Eindrücken zum Umgang mit diesem Erbe im heutigen Gorzów fragte. Der Artikel „Solidna robota pana Fritza Crzellitzera“ erschien bereits am darauffolgenden Tag in der Zeitung.
Berlin, den 20.3.2012
Invitation to the Association’s guided architectural tour for the Tag des offenen Denkmals 2012 The former department store Jonass, the present Soho House in Berlin-Mitte
Guides: Matthias George
Saturday, September 8th at 2 p.m.
Meeting point: Torstrasse 1 at the corner of Prenzlauer Allee
Public transport: U-Bahnhof Rosa Luxemburg Platz
Contact: guenter.schlusche@web.de
In 1927-29 the Jewish architects Georg Bauer and Siegfried Friedländer built the loan store Jonass at the
Torstr.1, commissioned by the Jewish salesmen Hermann Golluber and Hugo Haller. Here the customers had
the possibility for buying their items on hire purchase. The plastered steel-girder construction with its curved facade – the present “Soho House” – tells varied stories, which will be presented at the tour, together with the lives and the fate of the Jewish architects.
Report on the Architectural Tour by Dr. Günter Schlusche
Stadtführung der Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten zum Tag des offenen Denkmals am 8. September 2012 von Matthias George und Dr. Günter Schlusche in Berlin-Mitte zum Haus Torstr. 1, 10119 Berlin (ehemals Kaufhaus Jonass, heute Soho House Berlin)
Ca. 18 Personen nahmen teil (u. a. Jutta Sartory, Claudia Marcy, Dr. Rolf Langebartels).
Im Mittelpunkt der Führung stand das unter Denkmalschutz stehende ehemalige Kaufhaus Jonass, das 1928 von den jüdischen Architekten Gustav Bauer und Siegfried Friedländer für den ebenfalls jüdischen Kaufmann Hermann Golluber gebaut wurde. Heute wird das Haus nach durchgreifender Modernisierung von dem international ausgerichteten Soho Club betrieben und steht privaten Club-Mitgliedern als Apartment-Hotel und Restaurant (mit Club, Diskothek, Schwimmbad etc.) zur Verfügung. Es ist nicht öffentlich zugänglich, ein Zutritt für die Teilnehmer an der Führung wurde von der Geschäftsführung trotz mehrfacher Anfragen nicht gestattet.
Matthias George hat über dieses Haus im Rahmen seines Studiums 2008/09 eine wissenschaftliche Schwerpunktarbeit an der TU Berlin (Prof. Dr. Gabi Dolff-Bonekämper) erstellt, für die er die Bau- und Nutzungsgeschichte, aber auch den Leerstand und das Restitutionsverfahren ausführlich recherchiert hat. Bei der Führung hat er die wesentlichen Ergebnisse seiner Recherchen vorgetragen und den Teilnehmern eine Reihe von Plänen und alten Fotos zu Bau und Nutzung des Hauses gezeigt.
Hermann Golluber war in den zwanziger Jahre ein erfolgreicher Berliner Geschäftsmann und betrieb mit seinem Partner bereits ein anderes Kaufhaus Jonass in Kreuzberg (Mehringdamm 32-34). Beide Kaufhäuser waren gezielt auf eine weniger vermögende Kundschaft ausgerichtet und warben mit sog „Kaufscheinen“ für den Kauf ihrer Waren per Kleinkredit, der im Kaufhaus vermittelt wurde.
Das heute wie damals sehr exponiert und zentral gelegene Gebäude an der Ecke von Torstr. und Prenzlauer Allee ist wegen seines der Moderne zuzuordnenden Baustils (EG und 1.OG horizontal gegliedert mit liegenden Fenstern, 2. bis 6.OG – seitlich nur bis 4.OG – mit 45 (!) vertikalen Fensterachsen) ein stadtbildprägendes Gebäude.
Es hat eine äußerst wechselreiche Nutzungsgeschichte, in der sich die scharfen Brüche der deutschen und Berliner Geschichte in markanter Weise verdichten. Zwischen 1933 und 1939 wurde Golluber mit seinem jüdischen Partner Hugo Halle schrittweise aus der Geschäftsführung gedrängt, das Unternehmen „arisiert“ und ab 1938 für eine Propagandaausstellung über den „Deutschen Osten“ genutzt. Dann wurde es von der NSDAP übernommen und war ab 1942 zentraler Sitz der Hitlerjugend (HJ) unter ihrem Führer Baldur von Schirach (s. Verraten und Verkauft – Jüdische Unternehmen in Berlin 1933-1945 – Publikation des Aktiven Museums und der Humboldt-Universität, Sonderauflage für die Landeszentrale für politische Bildung 2010, Abschnitt zum Kaufhaus Jonass bearbeitet von Ulla Jung, Berlin 2010).
Nach 1945 wurde das Haus als Teil des ehemaligen NSDAP-Besitzes verstaatlicht und für Verwaltungs- und Parteizwecke umgebaut. 1950 erfolgte die Eigentumsübertragung an die SED, die das Haus bis 1959 für ihr Zentralkomitee nutzte. Anschließend war das Gebäude Sitz des Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED (s. Infotafel zur „Geschichtsmeile Berliner Mauer“ zur DDR-Geschichte vor dem Eingang an der Kreuzung). 1994 wurden die Bestände des ehemaligen Partei-Archivs der SED in das Bundesarchiv nach Berlin-Lichterfelde überführt und bereits 1996 wurde das Gebäude an die Nachkommen der Alteigentümer restituiert, stand aber lange leer. Die am Haus angebrachten Gedenktafeln an Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl wurden demontiert, eine Tafel ist verschwunden, die andere wird angeblich beim Bezirksamt Mitte gelagert.
Nach mehr als 12 Jahren wurde das Gebäude 2008/09 aufwendig umgebaut und vom jetzigen Eigentümer 2009 nach Umbau wiedereröffnet. Auf der Homepage (www.sohohouseberlin.com) wird knapp auf die Geschichte und die ursprüngliche Nutzung hingewiesen, ein besonders luxuriös hergerichteter Bereich im 2. OG wird dort als „Politbüro“ bezeichnet und dient als „Eventspace mit kreisförmiger Bar, Restaurant/Diskothek, Balkon und Aussicht“. Über die Architekten Siegfried Friedländer (1879 Posen – 1942 Ghetto Riga) und Gustav Bauer (Lebensdaten unbekannt) liegen nur die nicht sehr ausführlichen Informationen im Buch von Myra Warhaftig vor (MW, Deutsche Jüdische Architekten, S. 58 und 138 f). Auch Matthias George hat im Rahmen seiner Studienarbeit keine weiteren Informationen zu den Architekten sammeln können. Er hat aber herausgefunden, dass auch der Statiker des Gebäudes jüdisch war. Gustav Bauer hat daneben eine – im 2. Weltkrieg zerstörte – Synagoge im Jüdischen Altersheim in Berlin-Mitte entworfen. Zu ihm liegen nur sehr spärliche biographische Angaben vor.
Die Teilnehmer an der Führung waren sehr interessiert an der Geschichte und Architektur des Gebäudes und bedauerten, dass der Eigentümer die Innenbesichtigung für die Gruppe nicht gestattet hat. Einzelne Teilnehmer gingen anschließend auf eigene Faust in die Empfangshalle im EG, deren luxuriöse Innenausstattung in bewusstem Kontrast zu der freigelegten Tragkonstruktion des Gebäudes aus Stahlbeton steht.
Berlin 9.9.2012