TAG DES OFFENEN DENKMALS 2023
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Bericht von Frau Marie – Josée Seipelt
Tag des offenen Denkmals Führung am 10. September 2023
Führung mit Marie – Josée Seipelt
Neben der Vortragenden waren die Mitglieder Ronnie Golz, Günter Schlusche, Sebastian Klarhöfer und Marcin Szczodry unserer Gesellschaft anwesend.
Das Mommsenstadion Entwurf Fred Forbat, konstruktive Durchbildung des Tribünendaches Schaim
Quelle: Zentralblatt der Bauverwaltung, 50.Jahrgang, Berlin 17.September 1930
Nr. 37, mit Abbildungen
Fred Forbat, Erinnerungen eines Architekten aus vier Ländern,
Bauhaus-Archiv Berlin 2019, Seite 104/105
Bei hohen Temperaturen nahmen etwa 35 Personen auf der Tribüne Platz, von der aus man sonnengeschützt einen wunderbaren Überblick über das gesamte Sportgelände hatte.
Neben der Vortragenden waren die Mitglieder Ronnie Golz, Günter Schlusche, Sebastian Klarhöfer und Marcin Sczcordy unserer Gesellschaft anwesend.
Nach einer kurzen Information zu den Aktivitäten unserer Gesellschaft, stellte die Vortragende zunächst den beruflichen Werdegang Fred Forbats vor, der durch die gesellschaftlichen und politischen Umstände gezwungen war, seinen Lebensort häufig zu wechseln, sodass er schließlich in vier verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet hatte.
Nach Erläuterungen zur Entwurfskonzeption sowie zur Bau- und Nutzungsgeschichte des Gebäudes führte die Vortragende durch das Gebäude, sodass sich jeder zur den aktuellen Instandsetzungsmaßnahmen informieren konnte.
Nach etwa 1 ½ Stunden zerstreuten sich die Anwesenden.
Das Mommsenstadion
Das Mommsenstadion, benannt nach dem Altertumswissenschaftler Theodor Mommsen (1817 – 1903) wurde als Sportanlage des Sportclubs Charlottenburg (SCC) nach Plänen des Architekten Fred Forbat errichtet und im August 1930 eíngeweiht. Der ursprünglich vorgesehene Standort am Messegelände musste zugunsten der Berliner Bauausstellung, die dort 1931 stattfinden sollte, aufgegeben werden.
Die Sportanlage wird heute noch von dem SSC (Gründung 1902, Ausbau der Leichtathletik 1910) zusammen mit TB (Tennis Borussia, Gründung 1902) als Tennis- und Pingpong-Club genutzt.
Bauzeitlich hatte die Anlage mit ihren 36.000 Stehplätzen und 1.750 Sitzplätzen drei Zugänge, einer konnte fußläufig von der S-Bahn-Station Eichkamp (heute Messe-Süd), ein zweiter mit dem Auto über die Neufertallee (heute Waldschulallee) und ein dritter von Norden über eine Brücke vom Messegelände aus erreicht werden.
Heutzutage werden nur noch die Zugänge an dem westlich gelegenen Baukörper genutzt.
Dieser ist von der Tribüne aus gedacht, gleichsam aus ihr heraus entwickelt, ein Tribünenbau also, der bis auf den bauzeitlichen Fest- und Vereinssaal ausschließlich Serviceräume wie Umkleiden, Sanitärräume und einzelne Geschäftsräume enthält.
Das Gebäude ist sorgfältig in die bewegte Topografie eingebettet, seine Eingangsseite erscheint drei-geschossig, zum Gelände hin ist das Gebäude lediglich zweigeschossig.
Die gestaffelten Sitzreihen der Tribüne sind in den Abtreppungen des Geländes, die hier als Stehplätze dienen, aufgenommen und fortgeführt.
Die unterschiedlichen Ebenen am und im Gebäude werden über gewendete äußere und innere Treppen erschlossen, sodass auch im Gebäude ein fließender Übergang zwischen den Ebenen innen und außen möglich ist.
Die Hauptgebäudefronten sind durch die auskragende Tribüne zum Gelände hin und durch die durchlaufenden Balkone an der Eingangsseite stark horizontal gegliedert, diese ist zusätzlich durch ziegelsichtige Lisenen rhythmisiert. Der bauzeitliche Festsaal ist gegenüber der Gebäudeflucht herausgeschoben und hat große Fenster erhalten, seine besondere Nutzung ist somit nach außen hin sichtbar gemacht.
Fred Forbat ist ein Architekt, der landschaftlich denkt und dies, auf der Höhe seiner Zeit, an den Gebäuden selbst ausbildet.
In diesem Zusammenhang sei auf seine Zeilenbauten in den Siedlungen Siemensstadt und Haselhorst, verwiesen, in denen zu erkennen ist, dass er die Gebäudefronten als innere Fronten der Außenräume versteht, welche diese mithin „wohnlich“ machen. (Bruno Taut hatte dafür den Begriff des „Außenwohnraums“ geprägt)
Bauzeitlich war das Gebäude in unterschiedlich abgetönten Grautönen farblich gefasst, die Wände und Holzteile hell, die Metallteile sehr dunkel. Die Fronten waren putzsichtig gehalten.
Zurzeit werden in Absprache mit der Denkmalpflege alle bauzeitlichen Fenster durch thermisch verbesserte ersetzt. Zur Ertüchtigung des Brandschutzes werden neue Brandschutztüren eingebaut.
Auf die Wiederherstellung der Putzsichtigkeit an den Gebäudefronten wird aus Kostengründen verzichtet.
Marie – Josée Seipelt
Quelle: BZA Charlottenburg-Wilmersdorf, Aufmaß 1957
Quelle: BZA Charlottenburg-Wilmersdorf, Aufmaß 1957
Fred Forbat, biografische Notiz
– 31.03.1897 Geburt in Pécs, Österreich-Ungarn
– 1914 Abitur an der Oberrealschule in Pécs
– 1914 Studium der Architektur und Kunstgeschichte, Technische Hochschule Budapest
– 1915 Militärdienst, Erkrankung
– 1917 Aufnahme des Architekturstudiums in Budapest, nach Niederschlagung der Räterepublik Emigration nach München, Abschluss des Architekturstudiums bei Theodor Fischer
– 1920 – 1922 Arbeit im Atelier Gropius
– 1922 Anstellung bei der Bauhaus-Siedlungs-Genossenschaft
– 1922 Ehe mit Hedwig Rücker aus Weimar
– 1923 – 1924 Arbeit in der Türkei und Griechenland im Auftrag des Völkerbundes, technische Leitung der Umsiedlungsmaßnahmen für Vertriebene aus Kleinasien, durchgeführt von der DEHATEGE (Danziger Hoch- und Tiefbaugesellschaft)
– 1925 – 1928 Chefarchitekt der AHAG (Allgemeine Häuserbau-Actien-Gesellschaft von 1872 – Adolf Sommerfeld
– 1926 Beitritt zu DER RING (Gruppe fortschrittlicher Architekten)
– 1928 Erwerb der Deutschen Staatsbürgerschaft, Aufnahme in den BDA, Mitglied des CIAM (Internationaler Kongress für Neues Bauen)
– 1928 – 1932 Selbständiger Architekt in Bürogemeinschaft mit Hubert Hoffmann
– 1929 – 1930 Mitglied zur Sachverständigenkommission der kommunalen Wohnungsfürsorge der Stadt Berlin, den Vorsitz hatte Bruno Taut.
– Lehrer für Städtebau und Wohnungswesen an der privaten Kunstschule von Johannes Itten Berlin
– ständiger Mitarbeiter der „Wohnungswirtschaft“ des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes
– 1932 – 1933 Arbeit in der UdSSR, gehörte zur Gruppe von Ernst May
– 1933 archäologische Studien in Athen, publiziert in Wilhelm Dörpfeld „Alt-Olympia“
– 1933 – 1938 Rückkehr nach Pécs und Arbeit als selbständiger Architekt, dort nahm er die ungarische Staatsbürgerschaft wieder an, nachdem er erfahren hatte, dass man ihm in Deutschland Berufsverbot erteilt und die Staatsbürgerschaft aberkannt hatte.
– 1938 Berufsverbot für Juden in Ungarn
– 1938 – 1972 schwedischer Staatsbürger, auf Vermittlung von Uno Ahrén Einreise nach Schweden, ihn hatte Fred Forbat schon 1930 in Berlin kennengelernt.
– 1938 – 1945 Mitarbeiter bei Sune Lindström
– 1942 Angestellter der HSB (Zentralorganisation der schwedischen Wohnungsbaugenossenschaft) -Abteilung für Stadtplanung
– 1944 Erhalt der schwedischen Staatsbürgerschaft
– 1944 Besetzung Ungarns durch deutsche Truppen
– 04. Juli 1944 alle jüdischen Familien aus Pécs (4000 – 5000 Personen) wurden deportiert, darunter Fred Forbats Eltern und weitere dort verbliebene Verwandte.
– 1950 Leiter des Instituts für Raumplanung, Stockholm, Entwurf von Masterplänen für schwedische Mittelstädte
– 1952 Mitinitiator des CIAM-Treffens in Schweden, dem CIAM fühlte er sich Zeit seines Lebens verbunden.
– 1951 Korrespondierendes Mitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung in Köln
– 1955 Korrespondierendes Mitglied der Österreichischen Gesellschaft zur Förderung von Landesforschung und Landesplanung
– 1957 Städtebauliches Modell Interbau Berlin-West
– 1959 – 1960 Professor für Stadtplanung an der technischen Hochschule Stockholm
– 1960 Korrespondierendes Mitglied der Akademie für Raumforschung und Landesplanung Hannover
– 1961 Ehrendoktorwürde der TH München
– 1969 Mitglied der Akademie der Künste Berlin
– 1969 Ausstellung im Bauhaus-Archiv Darmstadt: Fred Forbat. Architekt und Stadtplaner
– 1971 großer Kunstpreis der AdK
– 22.05.1972 in Stockholm verstorben
– Nachlass: im Swedish Centre for Architecture and Design (ArkDes) in Stockholm








