Tag des offenen Denkmals 2021

Bericht von Frau Marie – Josée Seipelt
Tag des offenen Denkmals Führung am 12.9.2021 14 Uhr
Die Siedlung Im Kieferngrund und Adolf Sommerfeld (Andrew Sommerfield)
Führung mit Marie – Josée Seipelt, Günter Schlusche, Steffen Adam und ca. 51 Teilnehmern
Einführung GjA (MJS)
Vorstellung der Gesellschaft des Lebens und Wirkens der deutschsprachigen jüdischen Architekten: ihre Gründung 1992, ihr Selbstverständnis und ihre Aktivitäten in Vergangenheit und Zukunft
Biographie Adolf Sommerfeld/Andrew Sommerfield (MJS)
Geboren 1886 in Kolmar bei Posen (heute Polen) ab 1910 in Berlin tätig als Holzhändler, Bauunternehmer, Bauherr, Erfinder (Inhaber mehrerer Patente v.a. im Holzbau), Bodenspekulant (Projektentwickler) und Architekt
1900 Zimmermannslehre, praktische Tätigkeit, Besuch der Baugewerkeschule in Rixdorf
1910 Gründung der ersten Fa. Sommerfeld
Während des. 1. Weltkriegs Ausführung mehrerer Industrie-Hallenbauten aus Holz
1920 Erwerb der Fa AHAG mit Baugelände am S Bhf Botanischer Garten (Blumenviertel) anschließend Bebauung nach Entwürfen u.a. von O.R.Salvisberg
1922 Erwerb des Baugeländes in Zehlendorf West (heutige Onkel-Tom-Str.)
1920 Bau des Privathauses Sommerfeld (Entwurf von Walter Gropius und Adolf Meyer) in der Limonenstr. (Lichterfelde-West) in neuer Holzblock-Bauweise, Innenausstattung entworfen von mehreren der späteren Bauhaus-Lehrer (Marcel Breuer, Hinnerk Scheper, Josef Albers)
1922 Baubeginn Sommerfelds Aue (Auftrag für 4 Villen an Erich Mendelsohn > Entwurf Richard Neutra)
Bauprojekte der Fa. AHAG A. Sommerfeld in Palästina und in Mazedonien: Holzfertighäuser für Flüchtlinge (Auftrag des Völkerbunds)
1929/30: Fa. AHAG mit über 1000 bis 1500 Beschäftigten
1928 -1931 Bauausführung für eine Vielzahl von Wohnungsbauten in Berlin-Zehlendorf, in Kleinmachnow u.a. für die GEHAG; GAGFAH,
1933 Nach Überfall der SA auf ihn in seinem Privathaus Flucht über Frankreich nach Palästina, dann nach England, Namensänderung
1948 Einleitung des Restitutionsverfahrens, das mit einem Vergleich endet
Ab 1954 Wohnsitz in der Schweiz
Neugründung der Haus und Heim AG und der Industriebau West
1964 Tod in Baden/Schweiz
Der Holzbau (MJS)
Situation nach dem 1. Weltkrieg: Reparationszahlungen, Mangel an Kohle und Eisen, Wohnungsnot
Diskussionen in der Architektenschaft über die Möglichkeit der Industrialisierung im Bauwesen
Einige Stimmen: Walter Gropius: Vereinigung von Kunst, Handwerk und Industrie, Mies van der Rohe: nicht die Umstrukturierung der Betriebsabläufe bietet die Lösung, sondern die Entwicklung eines neuen Baustoffes, der den Abläufen der industriellen Produktion angepasst ist, Le Corbusier: entwickelt ein neues Maßsystem, dessen Maße zueinander ins Verhältnis gesetzt sind und als Grundlage
industrieller Fertigung dienen soll
als Impuls dieser Überlegungen dienen die Montagetechniken im Eisenbau des 19.Jahrhunderts
Der sog. Blockbau ist die älteste Holzbauweise, der Fachwerkbau ist jünger, dieser hat seine Blüte in der Gotik und Renaissance, noch jünger ist die Holztafelbauweise
Ursprünglich hat man im Blockbau Eiche verarbeitet, die über Jahrzehnte gelagert und getrocknet, als Wertsicherung von Generation zu Generation in den Zimmermannsfamilien vererbt wurde.
Dies kommt aus soziologischen und finanziellen Gründen Anfang des 20. Jahrhunderts nicht mehr in Betracht, auch ist das abgelagerte Kiefernholz vollständig aufgebraucht.
Schon Anfang des 20 Jahrhunderts geht man dazu über, Holz zu verwenden, das nach der Saftzeit im Herbst gefällt wird und bis zum Sommer des folgenden Jahres fachmännisch lufttrocken gestapelt wird.
Die Benutzung von Trockenkammern war auch schon üblich, doch nicht durchgängig.
Und schon entstehen durch unsachgemäßes Lagern der Hölzer und durch unsachgemäßes Benutzen der Trockenkammern bis dahin unbekannte Probleme.
Es wird gefordert, nur bestes Mittel-Stamm-Kernbohlenmaterial zu verwenden, um die Schwindmaße während des langwierigen Trocknungsprozess, der nun auch im eingebauten Zustand sich fortsetzt, zu minimieren. Selbst eine luftgetrocknete Blockbohlenwand von 2,50 m Höhe hat vom Einschnitt bis zu Aufstellung des Blockhauses ein Schwindmaß von bis zu 8 cm.
Adolf Sommerfeld entwickelte ein System, in dem den unterschiedlichen Schwindmaße der einzelnen Holzbauteile wie Wand, Fenster und Türen Rechnung getragen wurde. Die äußere und innere Wandschale waren voneinander
und alle Holzbauteile über Fugen voneinander getrennt, die über Deckleisten geschützt wurden.
Das patentierte System sieht außen waren Holzbohlen vor, dann folgt eine Isolierpappe, als Dämmung Sägemehl und schließlich Lehmdielen, die verputzt werden.
Als vorteilhaft wurden die kurze Herstellungsdauer, die Bautrockenheit vom ersten Tag des Bewohnens an, die thermischen Eigenschaften, die geringe Eigenlast, die leichte Zerlegbarkeit und die geringen Unterhaltskosten angeführt.
Siedlung am Kieferngrund (MJS)
zunächst Parzellierung eines 300 m langen und 50 m tiefen Geländes entlang der Onkel-Tom-Straße
1922 Bauantrag für zwei Parzellen
1922 Bauantrag für die Siedlung Am Kiefergrund: 11 ein-geschossige Gebäude mit ausgebautem Dach um einen angerförmigen Platz gruppiert, 9 der Gebäude sind zweischalig (Patent 1919) in Blockbauweise, 2 als zwei-geschossige Fachwerkhäuser errichtet.
Die Fachwerkhäuser dienten als Musterhäuser für 21 Häuser, die 1921 als Reparationslieferungen nach Frankreich gebracht wurden.
Die Gebäude der Siedlung am Kieferngrund haben keine Holzbohlen als Außenhülle, ihre Außenhülle besteht aus Holzschindeln, die wie Schuppen aufgebracht sind.
Vor der kürzlich erfolgten Unterschutzstellung, hat die Anlage empfindliche Eingriffe verkraften müssen. So ist der Anger straßenseitig bebaut und an seiner rückwärtigen Partie teilprivatisiert worden. Ein nicht bauzeitliches Gebäude ist zwar in der Neigung seiner Dachflächen an den bauzeitlichen Dächern orientiert, doch in seiner Kubatur maßstabssprengend.
Stadtentwicklung und Siedlungsgeschichte des Berliner Südwestens (GS)
Berlins Stadtentwicklung im 20. Jahrhundert – Wachsende Kritik an der Mietskasernenstadt als Produkt der IndustrialisierungVorortgründungen z.B. von Carstenn in Lichterfelde (1868/70)
Seine Vision: Ein Siedlungsband zwischen Berlin und Potsdam (1892)
Weitere Villenvororte u.a. in Westend (Charlottenburg) gegründet von Quistorp um 1870
Gartenstadt-Bewegung Sir Ebenezer Howard (Garden cities of tomorrow, 1898)
Wettbewerb Groß-Berlin 1910: Zwei erste Preise an Hermann Jansen und an Joseph Brix(Felix Genzmer mit der Hochbahngesellschaft
Parallel dazu Städtebau-Ausstellung in Berlin 1910 (Otto March und Werner Hegemann)
Kritik an den Terraingesellschaften und deren Vorgehen: Aufkauf von Bauerwartungsland, Bebauungspläne mit Parzellierung, Bebauung und Verkauf
Einbeziehung von neuen Disziplinen und Experten des Sozial- und Gesundheitswesens, des Verkehrs, der Landschaftsarchitektur (Ludwig Lesser, erster Gartenarchitekt z.B. in Berlin-Frohnau)
Martin Wagner Das sanitäre Grün der Städte, Berlin 1915
Wohnungsversorgung wird zur zentralen soziale Aufgabe der städtischen Daseinsvorsorge und zum Bestandteil einer reformorientierten Kommunalpolitik
Die kommunalpolitisch entscheidende Weichenstellung: Die Gründung von Groß Berlin im Jahr 1920 (100-jähriges Jubiläum in 2020)
Das Revolutionäre: Mietwohnungsbau in moderner Architektur, mit einem neuartigen Städtebau, zu günstigen Mietpreisen, mit zeitgleicher Planung des ÖPNV und in neuer kommunal gesteuerter Bauherrschaft
Gründung von sozialen Wohnungsbaugesellschaften, die in den Vororten Mietwohnungsbau errichten: GEHAG gegründet 1924 (heute Deutsche Wohnen), GAGFAH gegründet 1918 (heute Vonovia) und GSW gegründet 1924 (heute Deutsche Wohnen)
Einbeziehung der Industrialisierung und der Rationalisierung im Bauwesen
Fertigbau in Holz und Metall (Stahl oder Kupfer) gewinnen stark an Bedeutung
Holzbaufirma Christoph & Unmack (Niesky) mit dem Architekt Konrad Wachsmann (Sommerhaus für Albert Einstein in Caputh)
Hirsch Metall- und Kupferwerk Eberswalde/Berlin: Die Kupferhäuser
Streben nach Einheit von Funktion, Herstellung und Gestaltung (Gründung des Bauhaus 1919)
Ein Schwerpunkt dieser Entwicklung ist der Berliner Südwesten (Steglitz und Zehlendorf), dessen bauliche Entwicklung maßgeblich vom Ausbau des ÖPNV (S-Bahn und U-Bahn) beeinflusst wird
Im Mittelpunkt Adolf Sommerfeld, der ab 1910 umfangreiches Bauland im Berliner Südwesten aufgekauft hat und mit neuartigen Konzepten vermarktet
S-Bahn nach Wannsee: Bauflächen am S-Bhf Botanischer Garten (Blumenviertel)
U-Bahn- Verlängerung der Linie 3 von Thielplatz bis Krumme Lanke 1926-28 mit Bahnhofsbauten von Alfred Grenander/O. R. Salvisberg und neuartigen Bautypologien, z.B. Einkaufsbahnhof U-Bhf Onkel-Tom-Str.
Die Grundstücke für die Bahnflächen werden von Sommerfeld zur Verfügung gestellt, der durch den U-Bahn-Anschluss eine bessere Vermarktung seiner Bauflächen erreichen will.
Widerstand des Bezirks gegen diese Planungen, denn der fürchtete um seine einkommensstarke Einwohnerstruktur.
- Siedlung „Im Kieferngrund“, Entwurf und Ausführung von Adolf Sommerfeld 1921/22, Onkel-Tom-Str 64a/64 als Musterhaus
- Sommerfelds Aue: Die kubischen 4 (ursprünglich 12) Häuser an der Onkel-Tom-Str.85, 87, 89 + 91(Westseite) von Richard Neutra (1923/24) mit einer innenliegenden Drehscheibe für verschiedene Interieurs, Auftraggeber und Ausführung: A. Sommerfeld
- Onkel-Tom-Siedlung/ Waldsiedlung Zehlendorf, von 1926 – 1932 in 7 Bauabschnitten mit 1915 Wohnungen realisiert, Bauherr GEHAG, Gesamtkonzept Bruno Taut und Martin Wagner, Architekten: Bruno Taut, Otto Rudolf Salvisberg, Hugo Häring, Kombination von 3-5-geschossigen Miethäusern und Einfamilienhaus-Bauten als Reihenhäuser (mit Garten)
- Siedlung Im Fischtal (Konzept Heinrich Tessenow, Bauherr GAGFAH)
Der „Zehlendorfer Dächerkrieg“
Denkmalschutz für die Siedlung „Im Kieferngrund“
Antrag auf Eintragung in die Berliner Denkmalliste von Steffen Adam am 8.8.2019 mit ausführlicher Begründung
Unterstützung durch unseren Verein am 4.9.2020 (Brief von Sebastian Klarhöfer)
Positive Entscheidung des Landesdenkmalamts im Oktober 2020
Literatur
Celina Kress, Adolf Sommerfeld/Andrew Sommerfield, Bauen für Berlin 1910 – 1970, Berlin 2011
Steffen Adam, Waldsiedlung Zehlendorf – Siedlung im Kieferngrund, in: AIV Forum Nr. 1/2020
Brigitte Hausmann/Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf von Berlin (Hg,) NEU, GROSS, GRÜN 100 Jahre Architekturmoderne im Berliner Südwesten, Berlin 2020
