Tag des offenen Denkmals 2020

 

Der diesjährige bundesweit veranstaltete Tag des offenen Denkmals
am 12. und 13. September fand unter dem Motto Nachhaltigkeit statt.

Für unsere Führung haben wir das Gebäude der ehemaligen Zentralverwaltung für die Allgemeine Ortskrankenkasse Berlin nach dem Entwurf des jüdischen Architekten Albert Gottheiner von 1930/31 in der Rungestraße in Berlin-Mitte ausgewählt.
Heute ist das Gebäude im Wesentlichen entkernt, in Eigentumswohnungen umgebaut und als Boardinghouse genutzt.
Zur Erörterung stand somit die Frage, ob eine derartig grundsätzliche Nutzungsveränderung mit daraus folgenden, notwendigen Umbaumaßnahmen dem Schutzgedanken, so wie er, auf Nachhaltigkeit gerichtet, im Denkmalschutzgesetz Berücksichtigung findet, überhaupt Rechnung tragen kann.

Der Architekt

Albert Gottheiner wurde 1878 in Berlin geboren und studierte an der TH Charlottenburg Architektur. 1909 machte er sich selbstständig und entwarf für Hohen-Neuendorf verschiedene Industriebauten. Nach dem Ersten Weltkrieg widmete er immer stärker dem sozialen Fürsorge – und Krankenhausbau und entwarf auch Bauten für die AOK, dessen Höhepunkt der Verwaltungsbau war. Gottheiner emgrierte mit seiner Frau 1933 über England nach Schweden, wo er nicht wieder als Architekt arbeiten durfte und seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf von Seidenblusen bestreiten musste.

Die Verwaltungszentrale der AOK

Als 6-geschossiger Stahlskelettbau steht das Gebäude unmittelbar an der Straße. Durch die Bekleidung seiner straßenseitigen Fronten mit blaubraunroten Klinkern hat es ein äußerst monumentales Gesicht erhalten, was über die Abfolge der vertikal verkürzten Fensteröffnungen, synchron zur perspektivischen, noch eine Steigerung erfährt. Die Straßenfront zur Rungestraße ist in ihrer einen Hälfte symmetrisch um den breit gerahmten Eingangsbereich angelegt. Die flankierenden Treppenhausachsen sind mit Pfeilerfiguren bekrönt.
Die Vorlagen der 8 mittleren Achsen sind zusätzlich bis vor das 5. Obergeschoss gezogen. Die andere Hälfte der Front ist etwas zurückgesetzt angeordnet.
Die Kunstgeschichte ordnet das Gebäude dem Spätexpressionismus zu.
Nachdem die AOK das Gebäude in den 40er Jahren aufgeben musste, wurde es seit den 50er Jahren als Bezirksparteischule der SED genutzt.

Schon zu DDR-Zeiten ist es unter Denkmalschutz gestellt worden. Die zentrale überdachte Schalterhalle im Hof zwischen den zwei Gebäudeflügeln war im Krieg zerstört worden, doch ansonsten war das Gebäude weitgehend erhalten. Ein niedrigerer Gebäudeflügel an der Wassergasse, der für eine Aufstockung vorgesehen war, war ebenfalls noch bauzeitlich erhalten. Auch
im Inneren wurden vermutlich nur wenige Umbauten vorgenommen.

Anfang der 1990er Jahre erhielt die AOK das Gebäude zurück und nutzte es bis 2003 für ihre Rechtsabteilung, bevor sie es endgültig aus Kostengründen verkaufen musste. Der neue Eigentümer plante eine Umnutzung des architektonisch besonderen Bürobaus zu Luxuswohnungen. Die Entwürfe dafür stammen vom Architekturbüro Axthelm Rolvien Architekten.
Heute sind nur noch das konstruktive Gerüst, die Bekleidungen der Gebäudefronten und die Fenster zur Straße, die um Winterfenster ergänzt wurden, erhalten. Der Gebäudeflügel an der Wassergasse wurde aufgestockt.

Vertiefen

Im Kontext zweier umliegender Bauten aus der etwas früheren Entstehungszeit von Alfred Messel und Fritz Crzellitzer wurde die Gestaltungskraft des vorgestellten Entwurfs nochmal besonders eindrucksvoll illustriert. Eine genauere Betrachtung der Fassade lässt erkennen, auf was die entwurfliche Absicht Gottheiners hinzielt.
Unweit des AOK-Gebäudes ist das Grundstück Am Köllnischen Park 3 gelegen, auf dem 1903/1904 nach den Plänen Alfred Messels die Landesversicherungsanstalt errichtet wurde.
Seine Gebäudefront ist bestimmt durch eine Kolossalordnung, welche von den Pfeilervorlagen bestimmt ist. Die Fensterebene erscheint gleichsam als durchgehende hinter den opaken Steinvorlagen. Die Abfolge der künstlerisch gestalteten Brüstungen bildet hinter diese Ebene gesetzt eine sekundäre Ordnung.

Die Front unterliegt in allen ihren Richtungen dieser Ordnung, ganz anders als im 19. Jahrhundert als die antike Säule noch das Vorbild für deren Syntax abgab.
Über die Abwicklung eines Details wirklich verbunden sind diese Ebenen nun auch nicht mehr. Man erkennt hier schon sehr deutlich die zukünftigen Entwicklungen der Architektur zur „Neuen Sachlichkeit“.

Noch deutlicher ist dieser Sachverhalt am Gebäude auf dem Grundstück Märkisches Ufer 6, das nach Entwürfen von Fritz Crzellitzer 1913/1914 als Geschäftshaus errichtet worden ist, ausgebildet.
Hier finden wir im obersten Geschoss sogar sogenannte bay-windows.

Albert Gottheiner hatte nun den Versuch unternommen, die Fenster- und Steinebene wieder zu einer Figur zusammenzuführen.
Er fasst die Front seines Gebäudes zur Rungestraße hin als eine Art Vorhang auf, in dessen „konkaver“ Krümmung die Fenster angeordnet sind und dessen „konvexe“  von den Pfeilervorlagen gebildet werden.
Diese sind stark profiliert und haben im Verhältnis zu ihrer Tiefe recht schmale Stirnseiten. Die Textilität der Fassaden wird durch noppenartig hervortretende Steine, die auch im Zickzackmuster angeordnet sind, noch gestärkt.

Marie-Josée Seipelt und Claudia Marcy

 

Alfred Gottheiner, 1931 Bürohaus AOK

Alfred Gottheiner, 1931 Bürohaus AOK
Alfred Gottheiner, 1931, ehem. Verwaltungsgebäude der AOK, Fassadendetails

 

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Fritz Crzellitzer, 1912-13, ehem. Bürogebäude, heute Australische Botschaft