Protokoll der Führung der GjA mit Jörg Limberg, 26.5.2024 zu Bauten jüd. Arch. in Potsdam-Neubabelsberg

Neubabelsberg ist eine Villenkolonie im Osten Potsdams zwischen der Rudolf-Breitscheid-Str., dem Griebnitzsee und dem Park Babelsberg, die ab 1871 durch die Architekten Hermann Ende und Wilhelm Böckmann angelegt wurde. Die Villenkolonie war von Beginn an für wohlhabende Potsdamer und Berliner angelegt und wurde 1939 nach Potsdam eingemeindet. Im Laufe der Zeit siedelten sich hier viele Industrielle, Bankiers, Schauspieler und Regisseure der nahe gelegenen Ufa-Studios an, Der ursprüngliche Stadtgrundriss war durch eine halbe Hippodrom-Figur (heute Virchowstr., Sauerbruchstr., Robert-Koch-Str.) geprägt und ist wie auch die ursprüngliche Parzellierung mehrfach überformt. Das Gebiet wurde im 2. Weltkrieg kaum zerstört, erfuhr aber durch die ab 1933 einsetzende Vertreibung der jüdischen Bewohner („Arisierung“) und durch die deutsche Teilung tiefgreifende Zäsuren. Nach 1961 verlief entlang des Südufers des Griebnitzsees die Mauer. Die Absicht der Stadt Potsdam, entlang des Mauerverlaufs dort einen öffentlichen Uferweg als Teil des Mauerwegs um Berlin anzulegen, stieß bei einer Reihe von Grundstückseigentümern auf starken Widerstand und ist bis heute ein kommunalpolitisches Konfliktthema, so dass derzeit nur Teilstücke des Uferwegs zugänglich sind.

Jörg Limberg ist Architekt und Denkmalpfleger und war langjähriger Mitarbeiter der Denkmalpflege in Potsdam. Er hat sich intensiv mit der Geschichte von Neubabelsberg befasst und dazu auch eine umfassende Publikation vorgelegt (Jörg Limberg, Neubabelsberg – Geschichte und Architektur einer Potsdamer Villenkolonie, Worms 2022), die derzeit vergriffen ist, aber nach Bedarf neu aufgelegt werden soll. Die Führung mit ca. 15 Teilnehmern beginnt am S-Bhf Griebnitzsee.

Station Rudolf-Breitscheid-Str. 184 A/B

Entwurf von Emanuel Heimann im neobarocken Stil für den Bauherrn Pincussohn, später Verkauf an Fanny Gumpert. Heimann war Direktor der Terraingesellschaft Neubabelsberg, hat in der Villenkolonie eine Reihe von Bauten entworfen und war maßgeblich an der Diskussion um die Bildung von Gross-Berlin beteiligt.

En passant: Karl-Marx-Str.2: Truman-Villa, heute Sitz der Friedrich-Naumann-Stiftung

 

Station Karl- Marx-Str. 3

Entwurf als erstes Sommerhaus von Ende und Böckmann, die ebenfalls zahlreiche Bauten in Neubabelsberg entworfen haben. Eigentümer ab 1918 Siegbert Stern, für dessen Frau Margarethe Stern–Lippmann vor dem Haus ein Stolperstein verlegt ist,

Umbau/Erweiterung 1920 durch Max Landsberg (s. Eintrag in: Myra Warhaftig, Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933 – Das Lexikon, Berlin 2005, S. 295 ff,  im folgenden MW Das Lexikon)

En passant: Villa Quandt, Virchowstr. 3;
gegenüber Villa Lademann, Karl-Marx-Str. 66 (Entwurf Gustav Lilienthal)

Station Virchowstr.8

Entwurf als Sommerhaus von Ende und Böckmann, nach Erwerb durch den Textilkaufmann Moritz Hammer („Villa Hammer“) Umbau durch den Architekten Paul Hirsch (1870 – 1943 deportiert, s. Eintrag Paul Hirsch in MW, Das Lexikon, S. 231 f.)

Station Virchowstr. 19/21

Erbaut als Holzhaus („Villa Heyroth“), später Erwerb durch den Rechtsanwalt Wittgensteiner („Villa Wittgensteiner“) und den Rechtsanwalt und Kunstsammler Dr. Rukser

1927 Umbau durch den Architekten Ernst Ludwig Freud (s. Volker Welter, Ernst L. Freud, Architect, New York/Oxford 2012, S. 179 f)

En passant: Villa Urbig, Virchowstr. 23, Entwurf Mies van der Rohe

Station Virchowstr.43

Entwurf 1881 durch Ende und Böckmann für den Regisseur und Schriftsteller Adolph L‘Arronge, nach Verkauf an den Bankier Goldschmidt („Villa Goldschmidt“) grundlegender Umbau durch die Architekten Alfred Breslauer/Paul Salinger (s. Eintrag Breslauer/Salinger in MW; Das Lexikon, S.  91 ff., Stolperstein in der Jägerallee 25, Potsdam, für Paul und Elisabeth Salinger), nach Übernahme durch die Dresdner Bank Verkauf an die NSDAP, nach 1945 Nutzung durch die DDR-Akademie für Staats- und Rechtswissenschaften.

Station Virchowstr. 45

Wohnhaus des Architekten Emanuel Heimann, später Wohnhaus des Malers Ulrich Hübner, Mitbegründer der Berliner Secession, Freund von Max Liebermann

Station Virchowstr. 49

1880 Sommerhaus für den Putzfedernfabrikanten Hermann Huldschinsky, 1908 Umbau und Erweiterung durch Johannes Kraaz, der zusammen mit Walter Rathenau dessen Villa in Berlin-Grunewald entwarf.

Station Virchowstr. 51
Entwurf 1880 durch Ende und Böckmann für Prof. Dr. Robert Hartmann, 1894 Verkauf an den Juristen Dr. Robert Danielewicz, Umbau 1922 durch den Architekten Albert Wassermann (Büroleiter des Architekten Ernst von Ihne)

 

 

Station Karl-Marx-Str. 23

Entwurf 1908 durch den Architekten Ernst Lessing (s. Eintrag in MW, Das Lexikon, s, 317 ff. und Jens-Peter Ketels, Ernst Lessing – Leben und Schicksal eines jüdischen Architekten in Berlin, Potsdam 2023) für den Verlagsbuchhändler Schnabel („Landhaus Schnabel“)

Station Karl-Marx-Str. 32

Villa 1905 für Dr. Alexander Czempin, 1925 Verkauf an den Kaufmann Alex Berglas („Villa Berglas“), Architekt des Umbaus unbekannt

(s. auch das Geschäftshaus der Textil-Fa. Berglas, Hausvogteiplatz 1, Berlin-Mitte von den Architekten Walter Growald/Wilhelm Caspari, in: Zerstörte Vielfalt, Bauten der Großstadt, Tafel I.6)

Station Rosa-Luxemburg-Str. 24

Entwurf 1910 durch den Architekten Siegfried Ittelson (später Büro-Partnerschaft mit Gustav Neustein und Co-Architekt vieler Kinobauten in Berlin) für den Bauherrn Felix Morris Thompson, später Verkauf an Manfred Liebenau, Geschäftspartner des Sängers Richard Tauber, daher gerne „Villa Tauber“ genannt, anschließend Arisierung und Nutzung durch NSDAP–Kreisleitung

 

Station Rosa-Luxemburg-Str. 29

Entwurf durch den Architekten Fritz Ruhemann (s. Eintrag in MW, Das Lexikon, s. S. 423) Die eigenwillige Dachkonstruktion des Hauses wurde als Zoll–Lamellen–Dach („Zollinger-Dach“) ausgeführt.

Station Domstr. 10

Entwurf durch den Architekten E. Heimann für den Industriellen Dr. Heinrich Brunswig, 1909 Verkauf an Direktor Walter Siegmund, 1922 Umbau durch den jüdischen Architekten Paul Karchow (Architekt mehrerer Villen und Industriebauten in Berlin, u.a. Botschaftsresidenz Polens in der Lassenstr., und Potsdam, gest. 1943), Eigentümer ab Ende der 20er Jahre war der Chemiker Otto Liebknecht (gilt als Erfinder des wesentlichen Grundstoffs von Persil) aus der Politikerfamilie Liebknecht, der Sohn von Wilhelm L. und Bruder von Karl L. Otto Liebknecht wohnte ab 1932 im Haus Rudolf-Breitscheid-Str. 182.

Literatur:

Jörg Limberg, Neubabelsberg – Geschichte und Architektur einer Potsdamer Villenkolonie, Worms 2022

Jens-Peter Ketels, Ernst Lessing – Leben und Schicksal eines jüdischen Architekten in Berlin, Potsdam 2023

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Führung mit dem Architekten und Denkmalpfleger  Herrn Jörg Limberg, Landhaus Schnabel Karl-Marx-Str. 23

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Rudolf Breitscheid. Str.184 A-B