Führungen 2011

In Kooperation mit der Erich-Mendelsohn-Stiftung laden wir ein zur Architekturführung durch das Wachsmann-Haus in Jüterbog:
Haus Dr. Estrich, 1929 von Konrad Wachsmann in Jüterbog, Bleichhag 6
Führung: Nils Estrich, Architekt und Enkel des Bauherrn
Samstag, 2. April 2011 um 10:00 Uhr
Treffpunkt: vor dem Haus Dr. Estrich in Jüterbog, Bleichhag 6, vor 10:00 Uhr
Anmeldung: bis 1. April 2011
Anfahrt mit Bahn: RE 5 ab Berlin Hauptbahnhof, Gleis 4, um 8:16, Richtung Falkenberg (Elster) Berlin Potsdamer Platz 8:18
Berlin Südkreuz 8:22 Berlin
Lichterfelde Ost 8:28
Ankunft in Jüterbog um 9:02
Anfahrt mit Auto: Route 1: Von Berlin Autobahn A9/E51 (Richtung München/Leipzig), Ausfahrt 4-Brück, Richtung Linthe/Treuenbrietzen, in Treuenbrietzen auf B 102 nach Jüterbog Route 2: Von Berlin (Flughafen Tempelhof) auf B 96 (Richtung Süden), in Alt-Mariendorf auf B 101, hinter Kloster Zinna B 101 verlassen und den Schildern nach Jüterbog folgen
Protokoll der Architekturführung von Dr. Günter Schlusche
Die Führung fand auf Initiative von Nils Estrich, dem Enkel der Bauherrn Georg und Emmi Estrich, statt und hatte ca. 40 Teilnehmer. Das zweigeschossige Haus befindet sich bis heute im Besitz der Familie, ist aber vermietet (EG: Wohnung, OG: Künstlergruppe PAPI Olaf Tshunx).
Die Bauherren Georg und Emmi Estrich stammten aus Berlin, ließen sich aber 1929 zur Gründung einer Arztpraxis in Jüterbog nieder und kamen in Kontakt zu Konrad Wachsmann, der sich damals gerade selbständig gemacht hatte und seine ersten Aufträge erhielt (darunter den zum Bau des Landhauses für Albert Einstein in Caputh). Konrad Wachsmann stammte aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Frankfurt/Oder, hatte eine Ausbildung als Tischler und Zimmermann bei Tessenow, dann auch bei Hans Poelzig absolviert und war bis 1929 als Architekt für eine Holzhausfabrik in Niesky/Lausitz tätig gewesen.
Das Haus Estrich ist ein kubischer Mauerwerksbau von 9 x 9 x 9 m mit einem pyramidenförmigen Ziegeldach auf einem annähernd trapezförmig geschnittenen Grundstück, das an die mittelalterliche Stadtmauer von Jüterbog grenzt, zu der hier ein runder Stadtturm gehört. Quer durch das Grundstück verlief ein jetzt zugeschütteter Graben, infolge dessen es gewisse Probleme mit dem Baugrund gab. Als Wachsmann das Baugrundstück besichtigte, hat er angeblich zu den Estrichs gesagt, „Dem Turm musste ich einen König gegenüberstellen“. Das Wohn- und Praxishaus steht an der Straße und hat einen eingeschossigen, L-förmigen und gebogenen Anbau, der an die Stadtmauer stösst und das Grundstück in einen Garten- und einen Hofbereich mit Zufahrt zu der im Untergeschoss des Anbaus liegenden Garage teilt. Im Hochparterre befinden sich zwei Eingänge zur ehemaligen Praxis im EG und zur Wohnung im OG. Die Innenausstattung wurde in den 80er Jahren entfernt, ansonsten ist das Haus noch ohne große bauliche Veränderungen erhalten, aber in einem sanierungsbedürftigen Zustand (besonders die Terrasse zum Garten). Das Haus hat einen hellbraunen Anstrich, der dem originalen Farbton entsprechen soll, bei dem Wachsmann sich wohl von Taut inspirieren ließ.
Die Familie Estrich hat Jüterbog 1945 verlassen, zu DDR-Zeiten wurde das Haus nicht mehr bewohnt, sondern von drei Arztpraxen genutzt. In dem von den Estrichs angelegten Garten wurden bestimmte Heilpflanzen angebaut, denn Georg Estrich setzte auf naturheilkundliche Verfahren und verabreichte seinen Patienten auch gern Placebos („Die meisten wollen ja nur sprechen“).
Die Innenräume sind noch einigermaßen gut erhalten, z.T. erkennt man noch die ursprünglichen Farben der Innenanstriche. Die Familie erhielt das Haus nach der Wende wieder zurück, macht öfter Führungen und ist daran interessiert, den baukulturellen Wert des Hauses im öffentlichen Bewusstsein zu halten.
Als Abschluß der Führung lud die das OG nutzende Künstlergruppe zur einer musikalischen und schauspielerischen Performance ein, die im OG mit der Präsentation mehrerer Gemälde und einer Ausstellung zur Geschichte des Hauses endete.
Der Architekt Konrad Wachsmann emigrierte aufgrund seiner jüdischen Abstammung bald nach 1933 zuerst nach Spanien, Italien und Frankreich, 1941 dann in die USA, wo er zeitweise mit Walter Gropius zusammenarbeitete, als Hochschullehrer wirkte und besonders intensiv zur Industrialisierung des Bauwesens und zur Vorfertigung von Bauelementen forschte. Er starb 1980 in Los Angeles, sein Nachlass befindet sich in der Berliner Akademie die Künste. In Deutschland gibt es neben diesem Haus nur noch zwei weitere, von Wachsmann entworfene Häuser, das sehr gut wiederhergestellte Einstein-Haus in Caputh und eine Direktorenvilla in Niesky, die z.Zt. gerade restauriert wird.
Nils Estrich hat uns zum Schluss eine DVD mit sehr vielen Unterlagen zum Haus Estrich und dessen Baugeschichte, zum Haus Einstein sowie zu Veröffentlichungen der letzten Jahrzehnte über diese beiden Häuser übergeben, die zeigen, daß die Familie auch heute noch eine persönliche Bindung zu dem Haus hat. Berlin, den 14.5.2011
Einladung zum Vortrag am 2. April.2011 um 19 Uhr bei der Erich-Mendelsohn-Stiftung im Landhaus Bejach, Bernhard-Beyer-Str. 12, 14109 Berlin-Steinstücken
Erich Mendelsohn war einer von über 450 jüdischen Architekten in Deutschland und Berlin, die ab 1933 von den Nationalsozialisten verfolgt, mit Berufsverboten belegt, deportiert oder ermordet wurden. Diese Architekten wurden gezwungen, ihre Mitgliedschaft im Deutschen Werkbund, im Bund Deutscher Architekten, im Architekten- und Ingenieur-Verein und in der Akademie der Künste aufzugeben. Ihre Schicksale gerieten oft in Vergessenheit, ihre Namen wurden mitunter aus der Erinnerung gelöscht. Ihre Bauten aber sind noch da und prägen bis heute das Stadtbild Berlins.
Günter Schlusche von der Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten möchte mit seinem Vortrag einen Überblick über diese Personengruppe, ihr Wirken und ihre Verfolgung geben. Damit knüpft er an das Lebenswerk von Myra Warhaftig an, die mit ihren Forschungen und Publikationen den Grundstein für die Erinnerung an diese Architekten gelegt hat. Gleichzeitig wird er exemplarisch die Lebensläufe und Bauten von Architekten wie Alexander Beer, Ludwig Lesser, Gustav Neustein und Harry Zweigenthal vorstellen.
Protokoll des Vortrags von Dr. Günter Schlusche „Jüdische Architekten vor und nach 1933 – Ein Überblick und ausgewählte Biographien“
Ca. 45 Anwesende, darunter Helge Pitz, Prof. Bernd Jansen, Erika Mühlthaler (Universität Stuttgart, forscht zur Geschichte des BDA), Dr. Nikolaus Kuhnert, Dr. Ita Heinze-Greenberg, Katrin Lesser, Ben Buschfeld, Annemarie Jaeggi, Georg Kohlmaier, Christian Welzbacher, Thorsten Hielscher, Irene Kaufmann (Verwandte des unbekannten jüdischen Architekten Walter Rosenberg), Prof. Werner Koch, Cordula Wellmann sowie die Urenkelin von Erich Mendelsohn.
Dank an Helge Pitz für die Initiative zu dem heutigen Vortrag
Dank an meine Mitstreiter von der „Gesellschaft…“ Markus Hawlik, Claudia Marcy und Jutta Sartory für die vielfältige Unterstützung v.a. bei der Bildbeschaffung und für die wirklich gute Zusammenarbeit Erste Vorbemerkung: Ich beziehe mich in meinem Vortrag heute in erster Linie auf die Arbeiten von Myra Warhaftig, der israelischen, bis zu ihrem Tod 2008 in Berlin lebenden Architektin und Bauforscherin, die in ihren zwei Publikationen „Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933 – Das Lexikon“ Berlin 2005, und „Sie legten den Grundstein“, Berlin 1996, die bis heute grundlegenden Forschungen zu diesem Thema vorgelegt hat.
Zweite Vorbemerkung zum Aufbau meines Vortrags: Zuerst ein Überblick über die gesamte Personengruppe der jüdischen Architekten, über einige ihrer Merkmale und über typische Werdegänge. Dann möchte ich einzelne Biographien genauer vorstellen und zwar von Alexander Beer, von Ludwig Lesser, von Hermann Zweigenthal und von Gustav Neustein.
Teil 1
Ita Heinze-Greenberg zitiert in ihrem Beitrag über Erich Mendelsohn, sein Projekt Mittelmeerakademie und seine Emigration („Erich Mendelsohn – Dynamik und Funktion“ Begleitbuch zur Ausstellung in der AdK 2003, S. 221) aus zwei Briefen von Mendelsohn an seine Frau aus dem Februar 1933: „Das Animalische der Bewegung wird sein Lebensrecht, sein Blutrecht verlangen – ein Blick in ihre Gesichter spricht von eindeutiger Grausamkeit“ … Und weiter „Man schließt uns aus vom Gnadentisch, von der Menschenwürde, von der Menschlichkeit. Also muss man sich freimachen und diesem Kreis den Rücken kehren.“ Und schließlich „Wir Juden sind zwischen die nationalen Leidenschaft eingeklemmt und können – jetzt wohl jedem erkenntlich – nur als Nation, als selbständiges aufrechtes Volk unsere Rechnung, unser Lebensrecht finden.“
Obwohl Mendelsohn sich nicht immer so eindeutig über den Nationalsozialismus geäußert hat, zog er wenig später sehr klare persönliche und berufliche Konsequenzen: Im April 1933, drei Monate nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten und der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, verließ Mendelsohn mit seiner Frau Deutschland und emigrierte – anders als seine Sympathie für den Zionismus dies nahelegte – nicht nach Palästina, sondern nach England, wo er ein Büro mit Serge Chermayeff gründete, später dann ein weiteres Büro in Jerusalem, bis er 1945 in die USA emigrierte. Im Oktober 1933 „wurde sein Name in der Liste des Bundes Deutscher Architekten gelöscht, weil er an die Mitgliedschaft die arische Abstammung geknüpft wurde.“ (S. 214)
Ita Heinze-Greenberg, S. 215: „Nachdem er sein Geburtsland und den Boden seiner Kindheitserinnerungen auf Nimmerwiedersehen verlassen musste, blieb er heimatlos für den Rest seines Lebens“.
Dieses Schicksal hat Mendelsohn mit weit über 400 weiteren jüdischen Architekten geteilt, die vor 1933 in Deutschland und in Berlin lebten und die nach 1933 in unterschiedlicher Weise von den Verfolgungsmaßnahmen der Nazis betroffen wurden. Von ihnen soll heute die Rede sein.
Bei weitem nicht alle haben so klar gehandelt wie Erich Mendelsohn, sondern sind im Vertrauen auf ihren Status, ihre oft lang zurückreichende Verwurzelung mit Deutschland und mit der deutschen Kultur und im Glauben darauf, dass die Nationalsozialisten nicht wirklich Ernst machen würden mit ihrer antisemitischen Propaganda, hier geblieben.
Nur ganz wenigen gelang es wie Mendelsohn, quasi nahtlos ihren Beruf in der Emigration fortzusetzen bzw. an ihre beruflichen Erfolge anzuknüpfen. Die Realität sah in der Emigration – sofern diese gelang- oft ganz anderes aus. Meistens führten die Verfolgungsmaßnahmen zum Abbruch der beruflichen Laufbahn, zum Berufswechsel, zur Entrechtung und Vertreibung. Davon später mehr.
MW kommt auf eine Zahl von mehr als 450 jüdischen Architekten, die vor 1933 in Deutschland lebten, davon ca. 165 mit eigenen Büros, 100 davon hatten ihre Büros in Berlin. Viele davon waren Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, viele waren auch im Jüdischen Adressbuch von Berlin etwa von 1931 verzeichnet. Sehr viele waren Mitglieder in den Berufsverbänden wie im Bund Deutscher Architekten (Bruno Ahrends, Karl Wilhelm Ochs, Erich Mendelsohn) im Architekten- und Ingenieur-Verein zu Berlin (Alexander Klein, Leo Nachtlicht) oder im Deutschen Werkbund (Alfred Gellhorn) oder der Preußischen Akademie der Künste (Erich Mendelsohn).
Zitat Aufsatz Max Osborn MW S. 21
Bevorzugter Ausbildungsort von ihnen war die Technische Universität Berlin-Charlottenburg und dort v.a Hans Poelzig, der seit 1923 dort Hochschullehrer war. (Annemarie Jaeggi hat auf J. Posener Symposium im Februar 2011 berichtet, warum J. Posener nicht am Bauhaus, sondern bei Poelzig studiert hat) Andere Ausbildungsstätten waren die TU München Theodor Fischer oder die TH Stuttgart Paul Bonatz.
Eine Reihe von in Deutschland lebenden jüdischen Architekten war nicht deutscher Nationalität. Sie stammten aus Russland wie etwa Alexander Klein, der 1879 in Odessa geboren wurde und von 1913 bis 1917 Stadtbaurat von St. Petersburg war oder Michael Rachlis, der 1884 in Moskau geboren wurde oder wie Shmuel Mestechkin aus der Ukraine, der von 1931 bis 1933 am Bauhaus in Berlin studierte. Einige waren ungarische Staatsbürger wie Oskar Kaufmann, der 1873 in Neu St. Anna in Ungarn geboren wurde und nach seiner Umsiedlung nach Berlin 1903 zum bedeutendsten Theaterarchitekt der Stadt avancierte: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Hebbel-Theater in der Stresemannstr., Umbau des Renaissance-Theaters in der Hardenbergstr. und der Komödie am Kurfürstendamm. Weitere jüdische Architekten kamen aus Tschechien oder Polen.
Was geschah 1933?
Am 22.9.1933 trat das Gesetz zur Gründung der Reichskulturkammer in Kraft, ihr Vorsitzender war Joseph Goebbels. Sie hatte 7 Einzelkammern, darunter eine für Musik, Theater Schrifttum etc. und eine für Bildende Kunst, deren Präsident Adolf Ziegler war. Für alle „Kulturschaffenden“ galt eine Zwangsmitgliedschaft in einer der Kammern, alle Architekten mussten Mitglieder der „Reichskammer für Bildende Künste“ werden. Geschäftsführer der RKK war Hans Hinkel, der den Sonderauftrag zur Entjudung des deutschen Kulturlebens bekam.
Gleichzeitig wurden die Berufsverbände wie der BDA, der AIV etc. sukzessive aufgelöst bzw. in die
Reichskammer der bildenden Künste überführt. Bereits 1933 begann der BDA systematisch damit,
seine Mitglieder mit Hinweis auf die erforderliche „arische Abstammung“ auszuschließen.
Zitat Schreiben des BDA v. 4.10.33 an Karl W. Ochs, MW S. 378
Im November 1934 wurde der Deutsche Werkbund in die Reichskammer der bildenden Künste
eingegliedert.
1935 wurde dann das, was unter „arischer Abstammung“ zu verstehen ist, mit dem „Gesetz zum
Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre“ dem sog Nürnberger Rassegesetz präzisiert
und erheblich ausgeweitet.
Aufgrund der darin gemachten Definition von „Halbjude“, „Vierteljude“(zwei jüdische Großeltern),
„Volljude“(vier jüdische Großeltern), von „Mischehen“ etc. wurden dann die Ausschlussverfahren
fortgeführt.
Am 10.5.1938 schrieb das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda an die RKK und
bat um eine „alphabetisch geordnete Liste sämtliche aus der Kammer ausgeschlossener Juden,
jüdischer Mischlinge und mit Juden Verheirateten“. Salopp ausgedrückt: Der Minister fragt nach, wie
weit man denn nun mit dem von ihm Erteilung zur „Entjudung“ gekommen sei.
Die Antwort kam prompt: Am 8.Juni übersandte die RKK „die gewünschte Liste“ die insgesamt 1657
Namen enthielt, darunter 323 ausgeschlossene Architekten
Beispiel für ein solches Ausschlußschreiben: Brief der RKK an Siegfried Weitzmann: Zitat MW S. 18
Ich stelle dieses Vorgehen auch deswegen so ausführlich dar, weil es die besondere Tragik und
Perfidie der nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen deutlich macht, die darin bestand, daß
nicht nur Juden bzw. Architekten, die sich zum jüdischen Glauben bekannten, von diesen
Verfolgungsmaßnahmen betroffen waren.
Vielmehr fielen auch jüdischstämmige Architekten darunter, die ihr Judentum z.T. schon vor vielen
Jahren aus persönlichen Gründen abgelegt hatten z.B. Bruno Ahrends, dessen Geburtsname Arons
war, oder Oskar Kaufmann, der 1903 konvertierte, oder Hermann Zweigenthal der katholisch getauft
war. Alfons Anker, der Partner der Gebrüder Luckhardt (beide traten am 1.5.1933 in die NSDAP ein)
trat 1938 ebenso wie Martin Punitzer zum Christentum über – beide in der Hoffnung, damit der
Verfolgung zu entgehen. Diese Hoffnung trog: Anker gelang es 1939 unter großen Schwierigkeiten,
nach Schweden zu fliehen, wo er nie mehr als Architekt tätig war. Punitzer wurde 1938 ins KZ
Oranienburg deportiert und konnte 1939 nach Chile flüchten (Hinweis Claudia Marcy).
Ein besonders erschütternder Fall: Der Architekt und Stadtplaner Erich Gloeden (geb Loevy) der aus
einer jüdischen Berliner Fabrikantenfamilie stammte, die Bronzegießerei Loevy stellte u.a. die
bekannten Gropius-Türdrücker her, aber auch die Inschrift „Dem deutschen Volke“ her, die 1916 nach
einem Entwurf von Peter Behrens am Reichstagsgebäude angebracht wurde (Ausstellung 2003 im
Jüdischen Museum Berlin) 1919 entschied sein Vater angesichts des wachsenden Antisemitismus,
seine beiden Kinder durch den Hochschullehrer Gloeden adoptieren zu lassen, um ihnen nicht länger
einen der häufigsten jüdischen Nachnamen zuzumuten. Loevy erhielt nichts desto trotz Berufsverbot,
versuchte vergeblich nach England zu emigrieren und kam im September 1944 in Berlin-Plötzensee
ums Leben, nachdem er denunziert worden war.
Zusammenfassend folgende Zahlen:
Mindestens 146 deutsche jüdische Architekten verließen Deutschland mehr oder weniger kurz nach
der Machtübernahme. 323 jüdische bzw. von den Nationalsozialisten zu Juden erklärte Architekten
haben nach 1933 Anträge auf Aufnahme in die Reichskulturkammer gestellt, die alle abgelehnt
wurden. 175 von ihnen gelang die Flucht, mindestens 84 Architekten wurden deportiert und ermordet,,
wobei angesichts einer Vielzahl von ungeklärten Lebensläufen gesagt werden muss, daß dies die
untere Grenze ist.
Jüdische Architekten und die Bewegung der Moderne
Wenn man die Bauten jüdischer Architekten anschaut und anfängt, sie typologisch zu ordnen, dann
fällt auf, dass jüdische Architekten sich besonders bei den charakteristischen neuen Bauaufgaben der
20er Jahre engagiert haben.
Der Großsiedlungsbau der Moderne: Bruno Ahrends mit der Weißen Stadt, Franz Hillingers Engagement bei der GEHAG und seine Kooperation mit Bruno Taut und Martin Wagner, u.a bei der Wohnstadt Carl Legien (Weltkulturerbe), die Wohnungsbauten von Erwin Gutkind.
Aber auch in einem anderen Strang der Wohnungsreformbewegung waren viele jüdische Architekten engagiert: Der Optimierung des Wohnungsbaus unter dem Aspekt des kosten-, material- und flächensparenden Bauens: Alexander Klein, Erich Gloeden, Konrad Wachsmann oder Siegmund Ochs
Der Kino- und Lichttheaterbau mit Architekten wie Gustav Neustein und Curt Leschnitzer
Der Theaterbau ist als Bautypus, nicht nur in Berlin, untrennbar mit dem Schaffen von Oskar
Kaufmann verbunden.
Die Volkspark-Bewegung ist besonders stark mit dem Namen von Ludwig Lesser verknüpft, der Mitbegründer des Deutschen Volksparkbundes war und außerdem die Gartenanlagen für die Weiße Stadt und die Gartenstadt Falkenberg in Berlin Treptow entwarf.
Teil 2
Neben dem Buch von Myra Warhaftig sind in den letzten 10 oder 15 Jahren einige bemerkenswerte Monographien über einzelne jüdische Architekten erschienen:
Erwin Gutkind (1886 – 1968), einer der bemerkenswertesten Architekten des Neuen Bauens mit großartigen Wohnbauten in Reinickendorf, Pankow und Lichtenberg, Publikation von Rudolf Hierl
Rudolf Fränkel (1901 – 1974), dessen Gartenstadt Atlantic am Gesundbrunnen in Berlin-Wedding, vor wenigen Jahren vorbildlich restauriert wurde, Publikation von Gerwin Zohlen (Hg.)
Oskar Kaufmann (1873 – 1956) Publikation von Antje Hansen
Wenn man sich mit den jüdischen Architekten und ihren Häusern beschäftigt – wir als kleiner Verein tun dies seit 18 Jahren – so stellt man fest, daß man sich da mit drei Themenkreisen beschäftigen muß: Zum einen mit dem Architekten, seiner Person, seinem Schicksal, seiner architektonischen und künstlerischen Entwicklung. Zum anderen mit seinen Entwürfen und gebauten Projekten, oft auch mit seinen Schriften und Publikationen – eine Reihe von jüdischen Architekten haben theoretisch und wissenschaftlich gearbeitet (z.B. Leo Adler oder Erwin Gutkind). Zum dritten mit der Nutzungs- und Baugeschichte der von ihnen entworfenen Häuser, mit dem Kontext, in dem sie entstanden sind und in dem sie heute stehen.
Jüdische Architekten haben häufig für jüdische Bauherren gebaut. Oft waren diese genauso wie die Architekten von den Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten erfasst. Die Recherchen werden dann zu einer mehrfachen Spurensuche nach dem Architekt, nach seinem Bauherren, nach dem Gebäude und dessen Veränderungen.
Der Architekt Alexander Beer geboren 1873 in Hammerstein/Westpreußen, Architekturstudium an der TH Berlin und Darmstadt Erste Tätigkeiten als Architekt und Regierungsbaumeister in Mainz. Kürzlich bekam ich den Hinweis von der heute in Australien lebenden Tochter Beate Hammett, daß Alexander Beer 1908 für den Entwurf der Klinikkapelle der heutigen Rheinhessen-Klinik in Alzey verantwortlich war. Seit 1910 Leiter des Bauamts der Jüdischen Gemeinde zu Berlin mit sehr intensiver Bautätigkeit: Waisenhaus der Jüdischen Gemeinde in Pankow, Berliner Str. (Neobarocker Bau 1912-13), vor wenigen Jahren sehr aufwendig restauriert und heute als Bibliothek, Gedenkstätte und Veranstaltungshaus genutzt.
Orthodoxe Synagoge Kreuzberg Fraenkelufer (1913-14) Hauptgebäude im 2. Weltkrieg zerstört, Seitentrakt ursprünglich Jugendsynagoge erhalten, renoviert und wird weiterhin als Synagoge genutzt.
Jüdisches Altersheim und Krankenhaus (1929-31) in der Berkaer Str. (Schmargendorf) ein wunderbarer Ziegelbau mit horizontalen weißen Putzbändern, heute als „Max-Bürger-Zentrum“ eine Einrichtung für Geriatrie und Sozialmedizin mit Gedenktafle an Alexander Beer.
Jüdische Mädchenschule (1930) in der Auguststr. Berlin-Mitte, ein großartiger Ziegelbau mit sehr wechselhafter Geschichte, Nutzung als Schule in der DDR-Zeit, seitdem langer Leerstand und schlechter baulicher Zustand, vor wenigen Jahren temporär genutzt für eine sehr interessante Ausstellung über Hannah Arendt Nach langwierigen Restitutionsverfahren hat die Jüdische Gemeinde im letzten Jahr das Gebäude zurückerhalten und es langfristig vergeben an einen Privatinvestor, der dafür ein Galerie- und Gastronomiekonzept entwickelt hat und nun mit der Instandsetzung und Modernisierung beginnen will
Weitere Bauten Synagoge in Wilmersdorf, Prinzregentenstr (bei der Reichsprogromnacht zerstört) und Ehrenmal und Ehrenfeld für die gefallenen jüdischen Soldaten des 1. Weltkriegs auf dem Jüdischen Friedhof in Weissensee
Alexander Beer war bis 1941 noch mit Bauaufgaben beschäftigt, u.a. wurde er gezwungen, den Umbau der Kreuzberger Synagoge in der Lindenstraße (heute Gedenkstätte von Zvi Hecker, Micha Ullman und Eyal Weizman) in einen Getreidespeicher zu leiten. 17.3.1943 Deportation nach Theresienstadt, dort am 8.5.1944 verstorben.
Seine Tochter Beate konnte 1939 mit einem Kindertransport nach England entkommen und lebt heute in Sydney/Australien
Der Gartenarchitekt Ludwig Lesser s. separater Text zur Führung am Tag des offenen Denkmals 2008 Hinweis auf Katrin Lessers Monographie über ihren Urgroßvater Ludwig Lesser, herausgegeben 1995 von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung
Der Architekt Hermann Zweigenthal (später Herrey) s. separater Text zur Führung am Tag des offenen Denkmals 2010 Hinweis auf Thomas Katzke und seine sehr interessante, fast schon monographische Veröffentlichung in der Bauwelt 17/2004
Der Kino- und Theaterarchitekt Gustav Neustein Geboren 1880 in Hammerstein/Westpreußen (wie Alexander Beer) Nach Architekturstudium Übersiedlung nach Berlin, wo er sich bald auf Kino- und Theaterbauten spezialisierte u.a. folgende Kinobauten
UFA-Marmorhaus am Kurfürstendamm, erbaut 1912/13 durch die Architekten pal, Scheibner und Eisenberg, Umbau durch Neustein 1928 (erhalten, aber durch Umbau stark verändert)
Kino Splendid am Kaiserdamm 29 Umbau zum Kino durch Neustein 1928 ((erhalten, aber Leerstand)
Kino Mercedes-Palast in der Hermannstr. 214, Neukölln das größte Kino Europas, Umbau durch Neustein 1932, 1992 abgerissen
Stella-Palast Berlin, Kino und Variete ?
Lichtspieltheater Capitol in Osnabrück ?
Hinweis auf das kürzlich erschienene Buch von Peter Boeger, Architektur der Lichtspieltheater in Berlin 1919 bis 1930, mit Darstellung der Projekte von Neustein
1938 bei der Reichsprogromnacht Festnahme und Inhaftierung im KZ Sachsenhausen Zitat aus Brief der Tochter Eva Dworecki an MW um 2003 (s. Buch MW S. 374)
Zum Schluss ein Ausblick und ein Hinweis:
1. Bis heute fehlt eine gründliche wissenschaftlich-historische Quellenrecherche darüber, wie die Berufsverbände wie der BDA, der AIV, der DWB oder die Akademie der Künste mit ihren jüdischen Mitgliedern im einzelnen verfahren sind. Beispielhaft: Die soeben erschienene, von Regina Schwoch herausgegebene Untersuchung über „Berliner jüdische Kassenärzte und ihr Schicksal im Nationalsozialismus“, in der der Ausschluß von über 2000 jüdischen Ärzten aus der Standesvertretung der Kassenärzte genau untersucht wird und in der die Biographien von 2018 verfolgten Ärztinnen und Ärzten dargestellt werden.
Erwähnenswert die von der Rechtsanwaltskammer Berlin herausgegebene Publikation von Simone Ladwig-Winters „Anwalt ohne Recht“ die das Schicksal von 1835 Rechtsanwälten jüdischer Herkunft recherchiert hat (Publikation von 1998)
Es gab und gibt bei der AK Berlin und ihren Präsidenten (Cornelius Hertling, Jörn-Peter SchmidtThomsen, Klaus Meyer-Hartmann) und wohl auch bei der Bundesarchitektenkammer viel Verständnis und Sympathie für einen solchen Ansatz, der die institutionelle Recherche in den Mittelpunkt stellt. Wir haben ja bei der kürzlich erschienenen Historiker-Studie zum Auswärtigen Amt feststellen können, welche wichtigen neuen Erkenntnisse dabei zutage kommen können. Aber solch eine Studie für Architekten gibt es eben noch nicht, weder einen Auftraggeber noch eine Finanzierung.
2. Wir wünschen uns eine Gesamtschau, eine übergreifende Ausstellung zu den Lebensläufen und zu den Werken jüdischer Architekten in Deutschland, v.a. in Berlin. Wir glaubten uns diesem Ziel schon einmal sehr nahe (September 2007), der Tod von MW und die Auseinandersetzungen um ihr Archiv haben dieses Vorhaben jedoch erst einmal wieder in die Ferne rücken lassen.
3. Am 3.5.2011 um 15 Uhr Enthüllung einer Berliner Gedenktafel für MW an ihrem Haus Dessauer Str. 39 in Berlin-Kreuzberg in Anwesenheit von StS Schmitz und AK-Präsident Klaus Meyer-Hartmann.
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit
Berlin, den
Protokoll der Besichtigung des Kupferhauses in der Schorlemerallee 16, 14195 Berlin (Dr. Anja Streicher) am 29.6.2011 von Dr. Günter Schlusche
Der Besuch (Teilnehmer Christa Kliemke, Dr. Peter Hahn, Markus Hawlik, Jutta Sartory, Dr. Günter Schlusche) wurde von Markus Hawlik organisiert, der die Bauherrin und Eigentümerin, Frau Dr. Anja Streicher, bereits vorher angesprochen und besucht hatte. Die GjA hatte bereits am 30.10.1999 eine erste Besichtigung des Hauses durchgeführt, das damals noch einen anderen Eigentümer hatte und in dem der Musiker Klaus Hoffmann sein Studio hatte.
Der Empfang und die Führung durch Frau Streicher, durch die das Haus grundlegend renoviert worden ist, waren außergewöhnlich freundlich und zuvorkommend. Frau Streicher bewohnt das Haus seit kurzem mit ihren zwei Kindern, das recht große Kellergeschoß, das zur Gartenseite einen ebenerdigen Ausgang hat, ist vermietet.
Die Renovierungs- und Umbauarbeiten des unter Denkmalschutz stehenden Kupferhauses wurden in den Jahren 2009 -2011 durch den Architekten Jan Bassenge (Stiefvater von Frau Streicher) durchgeführt, an den Kosten hat sich das Landesdenkmalamt beteiligt. Unter anderem wurde dabei der weiße Anstrich der Außenfassade des Hauses entfernt. Dabei wurden mehrere Verfahren erprobt, von denen sich das Trockeneis-Strahlverfahren am besten bewährt hat. Die im EG und OG mit einer ziegelartigen Rechteckstruktur versehene Fassadenhaut hat nun wieder den typischen rotbraunen Kupferton, der angeblich nicht oxydieren soll. Die Reparatur der Öffnungen und Löcher in der Außenfassade war noch nicht abgeschlossen. Die Holzfenster sind kräftig grün gestrichen. Das Sockelgeschoß ist aus dunkelrotem Klinkermauerwerk, das ebenfalls weiß gestrichen war und nun wieder den originalen Farbton hat.
Innen wurde das Haus bis auf kleinere Veränderungen im Eingangsbereich des Erdgeschosses (Einbau von
Dusche/WC im ehemaligen Seiteneingang, neuer Eingang in der Mittelachse) kaum verändert: Insbesondere die Innenwände mit der charakteristischen Kupferblechverkleidung entweder in Rauten- oder in quadratischer Fliesenstruktur sind sehr gut renoviert und in weißer oder hellgrauer Farbe gestrichen, in den Kinderzimmern und kräftigen Blau- und Rosatönen. Die Treppe vom Wintergarten im Erdgeschoß zum tief liegenden Garten an der Südseite wurde ebenfalls wiederhergestellt.
Frau Streicher steht in Kontakt zu den Nachfahren der jüdischen Bauherren, dem Ehepaar Salomon und Leontine (Lotte) Bach, die das Haus 1930/31 haben erbauen lassen (Typ R oder Kupferstolz der Fa. Hirsch Kupfer- und Messingwerke AG aus Berlin/Eberswalde). Die Familie Bach ist 1935 (vielleicht auch 1937) in die USA emigriert, die Tochter lebt dort noch, und die Enkel haben Frau Streicher vor wenigen Wochen hier besucht. Sie berichteten, dass es bei der Emigration der Familie Bach Überlegungen gab, das Haus gemäß der konstruktiven Auslegung zu demontieren und ins Exil mitzunehmen.
Literatur:
Baunetzwoche Nr. 153 v. 4.12.2009 Kupferhäuser
Friedrich von Borries/Jens Uwe Fischer, Heimatcontainer, Suhrkamp, 2010(?)
Wasmuths Monatshefte für Baukunst Nr. 15, 1931
Kurt Junghanns, Das Haus für alle, Zur Geschichte der Vorfertigung in Deutschland, Berlin 1994
Das Schöne Heim, Nr. 3 (1931)
Einladung zur Architekturführung am Tag des offenen Denkmals 2011
Die Villen Harteneck, Epstein und Konschewski in Berlin-Grunewald
Führung: Dr. Günter Schlusche und Claudia Marcy
Samstag, 10. September 2011 um 14:00 Uhr
Treffpunkt: Douglasstr. 7, Berlin-Wilmersdorf
Verkehrsverbindungen: S-Bahnhof Grunewald
Kontakt: guenter.schlusche@web.de
Die Villen des Messel-Schülers Adolf Wollenberg (Villa Harteneck, 1910-12) und des bekannten Theater-Architekten Oskar Kaufmann (Haus Epstein und Haus Konschewski, beide 1920er Jahre) verkörpern eine klassizistische, aber auch neobarocke Bauauffassung, die sich an historischen Vorbildern orientiert. Zugleich zeigen diese Bauten zweier bedeutender jüdischer Architekten das Niveau der Villenarchitektur wie auch der Gartengestaltung des frühen 20. Jahrhunderts. Beide Architekten waren ab 1933 von den Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten betroffen und mußten emigrieren.
Protokoll der Architekturführung von Dr. Günter Schlusche und Claudia Marcy
ca. 70 Teilnehmer
1. Station
Villa Harteneck in der Douglasstr. 7-9, ein Haus des Architekten Adolf Wollenberg (1874 Breslau -1951 London) für den Mitbegründer einer Holzextraktfabrik in Argentinien und Großkaufmann für Gerbstoffe Carl Harteneck. Auf einem 9.000 qm großen Grundstück plante Wollenberg 1911/12 eine Villa bestehend aus Haupthaus mit Wirtschaftstrakt, der um einen Innenhof gruppiert ist. Die zum Garten hin ausgerichtete Hauptfassade wird durch zwei Seitenrisalite mit reich geschmückten Giebeln, eine zweigeschossige Loggia und eine Attika bestimmt. An der NO-Seite wird das Kellergeschoss durch das starke Gefälle des Grundstückes zum ebenerdigen Stockwerk, das mit einer Terrasse überdacht ist. Wollenberg vereint in der Villa Harteneck sowohl Einflüsse der Palladio-Villen als auch die der klassizistischen preußischen Bautradition. Im Inneren entspricht die großbürgerliche Villa dem traditionellen Repräsentationsgefüge. Heute dient die Villa als Geschäfts- und Wohnhaus und ist im unteren Bereich zu besichtigen. Der denkmalgeschützte Garten, der 1981 bis 1985 vom Gartenarchitekt Peter Schmidt-Seifert rekonstruiert wurde, ist für die Öffentlichkeit zugänglich.
Im Dritten Reich war die Villa Dienststelle des später als Widerständler ermordeten Abwehrchefs Canaris.
Adolf Wollenberg
1874 in Breslau als Sohn einer wohlhabenden jüdischen Familie geboren; wandte sich von der
kaufmännischen Familientradition ab und studierte Architektur in Berlin an der Technischen Hochschule
Charlottenburg (1893-99); Wollenberg erlangte den Abschluss als Bauführer; mit diesem konnte er sowohl in den Staatsdienst eintreten als auch als Privatarchitekt arbeiten.
Praktische Erfahrungen sammelte Wollenberg in den Büros von Alfred Messel, Ernst von Ihne und bei Heinrich Kayser und Karl von Groszheim.
1903 machte sich Wollenberg selbstständig. Der berufliche Durchbruch begann erst 1908 mit dem Landhaus für den Bildhauer und Medailleur Hugo Kaufmann in der Rüsternallee 33 in Westend.
Gute Kontakte in gehobene Gesellschaftskreise, Mitgliedschaften in verschiedenen Vereinen und Clubs, wie Ressource von 1794, und die Veröffentlichung seiner Entwürfe in Bauzeitungen bildeten die Grundlage für weitere Aufträge.
Sein Hauptbetätigungsfeld war die Villen- und Landhausarchitektur. Seine Entwürfe zeichnen sich durch einen repräsentativen Stil unterschiedlichen Charakters aus. Wichtige Arbeiten sind:
– Neues Kurhaus Dr. Weiler, Ulmenstraße 35, Westend (1909-11)
– Villa Bankier Nathan, Bismarckallee 22, Grunewald (1910/11)
– Villa Harteneck, Douglasstr. 7, Grunewald (1911/12)
– Landhaus Goldschmidt, Königsallee 64, Grunewald (1912/13)
Nach dem Ersten Weltkrieg setzte Wollenberg seine Karriere vor allem als Innenarchitekt fort. Bis Mitte der Zwanziger Jahre entstanden auch noch einige wenige Villen, zu denen die Villa Semmel in der Pacelliallee 19-21 (1925/26) gehört.
Der letzte bekannte Auftrag war der Umbau eines Textilgeschäftes am Kurfürstendamm 1927, für das er eine moderne zeitgemäße Einrichtung entwarf.
Wollenberg war recht vorausschauend, was die politische Lage in Deutschland betraf, er verkaufte im März 1932 den Großteil seines Mobiliars und im Oktober 1933 sein Haus und reiste nach Frankreich. Da er dort nicht arbeiten konnte – sein Meldeschein erhielt den Vermerk „ohne Beruf“ – wollte er weiter nach England gehen, wo er sich an der Vermarktung eines Patents zur Herstellung von Fertigteilen für den Hausbau beteiligen wollte.
Doch erst durch die Unterstützung der Hilfsorganisation Otto Schiff, erhielt er 1937 eine unbefristete
Aufenthaltsgenehmigung und Arbeitserlaubnis für England.
In der folgenden Zeit war er hauptsächlich beratend tätig. 1947 erhielt er die britische Staatsbürgerschaft und wurde 1948 Mitglied im Royal Institute of British Architects, damit hatte er seine verlorene Reputation wiedererlangt.
Adolf Wollenberg verstarb zur Jahreswende 1950/51 in London
Lit: Dana Menzel: Der Architekt Adolf Wollenberg. Leben und Werk, Tübingen 2007
2. Station
Villa Epstein in der Douglasstr. 15/17, ein expressiv gestalteter Bau (Baujahr 1922-25 für den Rechtsanwalt Prof. Epstein) des bekannten Theaterarchitekten Oskar Kaufmann (1873 in Neu St. Anna, Ungarn geboren und 1956 in Budapest gestorben).
Hauptfassade breitgelagert zur Straße hin, konkav geschwungener Mittelbau mit runder Freitreppenanlage, Stilvielfalt zeigt sich in den Rundbogentüren des Erdgeschosses und den expressionistisch betonten Fenster des Obergeschosses.
Beispiel dafür, daß „eine auf herkömmliche Elemente nicht verzichtende Architektur durch individuelle Gestaltung durchaus als ‚modern‘ eingestuft werden kann“ (Baudenkmale in Berlin Bezirk Wilmersdorf, Ortsteil Grunewald,Hrsg.: Sen Stadt 1993)
Im Grunewald gibt es kaum Architekturen der klassischen Moderne. Ausnahme ist das Haus Flechtheim von Otto Rudolf Salvisberg in der Douglasstraße 12, breitgelagerter Klinkerbau mit leichtem Walmdach, Fassade mit Travertin verkleideten Eingangsbereich und schmal gerahmten Fenstern.
Haus Douglasstr. 18, ein Landhaus der frühen Moderne der Architekten Breslauer und Salinger. Das Haus ist ebenfalls in sehr gutem Zustand.
Der 1866 in Berlin geborene Architekt Alfred Breslauer war vor 1900 Mitarbeiter im Büro von Alfred Messel und starb 1954 in der Schweizer Emigration in Zürich. Paul Salinger wurde 1865 in Berlin geboren und kam 1942 in Theresienstadt um.
3. Station
Haus Gottfried von Cramm-Weg 33/37, die sehr großzügige Villa des Fabrikanten Dr. Moritz Konschewski, die 1922/24 ebenfalls von Oskar Kaufmann erbaut wurde. Das zugleich mit seinem sehr großen Garten
denkmalgeschützte Haus auf einem mit 9500 m² außergewöhnlich großen, zum Hundekehlesee hin abfallenden Grundstück ist außerdem mit einem Gartenflügel und einem Pförtnerhaus bebaut worden, die – wie das gesamte Haus – aufwendig modernisiert und zu Wohn- und Bürozwecken ausgebaut wurden.
In der Gustav Freytag Str. 9 steht ein sehr gut restauriertes, unter Denkmalschutz stehendes Haus des
jüdischen Architekten Berthold Bleier (Geburts- und Sterbedatum unbekannt), das er 1923 errichtet hat. Trotz intensiver Recherchen ist über den jüdischen Architekten Bleier kaum etwas in Erfahrung zu bringen. Er war Mitglied im Bund Deutscher Architekten und wurde 1933 aus der neugebildeten Reichskulturkammer ausgeschlossen.
Etwas weiter, in der Gustav Freytag Str. 15, befindet sich das 1928/29 für die Familie A.L.Zissu von dem 1884 in Moskau geborenen Architekten Michael Rachlis gebaute Haus, der auch vor allem als Innenarchitekt gewirkt hat. Er starb 1952 in London. Diese Villa, als eines der wenigen Häuser der klassischen Moderne dieses Viertels erbaut, ist äußerlich in einem perfekten Zustand. Beeindruckend ist die Verwendung des Travertins für die Fensterbänder an der Straßenfassade.
Oskar Kaufmann (1873 – 1956)
„Der bedeutendste Theaterarchitekt Berlins“ (Karl Heinz Hüter)
Hebbel-Theater (1907), Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz (1913/14), Theater am Kurfürstendamm (1923), Die Komödie (1924), Renaissance-Theater (1926)
Nicht mehr erhalten: Sportpalast, Kroll-Oper, Kino am Nollendorfplatz
Monographie von Antje Hansen (Gebrüder Mann-Verlag)
Geboren 1873 in Ungarn (Neu St Anna), zuerst Musikstudium in Budapest, dann Architekturstudium in Karlsruhe, 1903 Wechsel nach Berlin bei lebenslanger Beibehaltung seiner ungarischen Staatsangehörigkeit, Heirat mit Emma Gönner (Wechsel zum evangelischen Glauben), Mitglied zum AIV und im DWB, Büro in Schöneberg mit Mitarbeitern/Partner wie Eugen Stolzer (ebenfalls bekannter jüdischer Architekt), Georg Leschnitzer und Rudolf Paul Henning, neben den Theaterbauten, auch in Bremerhaven, Königsberg und Wien, auch Wohn-und Geschäftsbauten in Berlin,
1933 Flucht nach Israel, dort Auftrag für den Bau des Habimah-Theaters (so nicht ausgeführt), Bauten in Haifa: Kino Ora und Villa, in Tel Aviv Wohnhaus,
1939 Rückkehr nach Rumänien und dann nach Budapest, dort 1948 Rehabilitation, aber keine neuen Aufträge.
Villenkolonie Grunewald
Erste Anstöße zur Anlage einer Villenkolonie von J.W. Carstenn (um 1870/75)
1882 Gründung der „Kurfürstendamm-Gesellschaft“ und Ausbau des Kurfürstendamms ab 1886 (125 Jahre Kudamm in 2011), ab 1889 Erschließung und Beginn der Bautätigkeit (Villen und Landhäuser), 1899 Status der selbstständigen Landgemeinde Grunewald, 1920 Eingemeindung nach Groß-Berlin.
Landschaftsplanerische Anlage der künstlichen Seen Dianasee, Koenigssee, Herthasee und Hubertussee als Erweiterung der natürlichen Seen Halensee und Hundekehlesee. Die aufwendige Landschaftsplanung war einzigartig für die Anlage einer Villenkolonie.
Städtebauliche Konzeption nach einem Fluchtlinienplan von Höhmann (1890 festgesetzt), Bebauung zuerst im Nordosten um den Halensee nach dem Typ Mietvilla, dann Großvilla, ab 1910 auch im südlichen und westlichen Bereich (Hundekehlesee) mit relativ hohem Anteil an jüdischem Besitz und mit zahlreichen jüdischen Architekten (Breslauer und Salinger, Paul Zucker, Max Landsberg, Adolf Wollenberg, Oskar Kaufmann etc.)
Es wurde nur Wohnnutzung gestattet, die u.a. folgende Auflagen erfüllen mußte:
a) nicht höher als drei Geschosse einschließlich des Erdgeschosses;
b) dieselben müssen nach allen Seiten mit Fassaden versehen sein;
c) es dürfen höchstens zwei Häuser aneinander gebaut werden;
d) zwischen den Baulichkeiten und der begrenzenden Straßen müssen mindestens vier Meter breite,
eingefriedete Vorgärten liegen.
Die großbürgerliche Geschichte dieses Wohnviertels, das auch von wohlhabenden jüdischen Familien geprägt wurde, wurde oftmals als Beispiel einer geglückten deutsch-jüdischen Symbiose angesehen.
Durch dieses Wohngebiet wurden ab 1941 die verfolgten Juden mit Lastwagen transportiert oder zu Fuß zum S-Bahnhof Grunewald geleitet, von wo sie mit den Zügen der Deutschen Reichsbahn deportiert wurden.
An diese Deportationen erinnern zwei bemerkenswerte Gedenkstätten am S-Bhf. Grunewald, den früheren
Güterbahnhof Grunewald, von wo die meisten Züge in die Konzentrations- und Vernichtungslager abfuhren:
Gedenkwand an der Rampe: Karol Broniatowski (1991 durch Land Berlin)
Gleis 17: Wandel/Hoefer/Lorch/Hirsch (2001 durch DB)