Führungen 2010

In Kooperation mit der Erich-Mendelsohn-Stiftung laden wir ein zur Architekturführung zu zwei Landhäusern von Erich Mendelsohn und Ernst Ludwig Freud:
• Haus Bejach, 1927, von Erich Mendelsohn, in Berlin – Steinstücken
• Haus Frank, 1928/30, von Ernst Ludwig Freud, in Geltow bei Potsdam
Führung Dr. Günter Schlusche, Architekt und Stadtplaner
Samstag, 3. Juli 2010 um 13:00 Uhr
Treffpunkt: vor dem Mahnmal Spiegelwand am Herrmann-Ehlers-Platz in Steglitz
Anfahrt: U-, SBhf. Rathaus Steglitz; Bus M 48
Unkostenbeitrag: 10 Euro
Die Teilnehmerzahl ist auf 50 Sitzplätze im Bus begrenzt.
Anmeldung erforderlich bis 2. Juli bei Jutta Sartory (per Mail: jutta@juttasartory.de oder per Telefon: 323 59 43)

Protokoll der Architekturführung von Dr. Günter Schlusche
Bus-Rundfahrt am 3.7.2010 mit ca. 20 Teilnehmern zu zwei Landhäusern von jüdischen Architekten (Haus Bejach von Erich Mendelsohn in Berlin-Steinstücken und Haus Frank von E. L. Freud in Geltow bei Potsdam) im Berliner Südwesten

Teilnehmer: Jutta Sartory, Claudia Marcy, Dr. Ulrike Offenberg, Prof. Ulf Meyer, Ronnie Golz u.a. Startpunkt: Spiegelwand auf dem Hermann-Ehlers-Platz in Berlin-Steglitz,
Dauer 3 Stunden, Kosten für Busanmietung: 320 €

Informationen zur Gesellschaft deutschsprachiger jüdischer Architekten und zu jüdischen Architekten vor und nach 1933

Villen und Landhäuser als Bautyp des frühen 20. Jahrhunderts
Die Villa: ein klassischer Bautyp seit römischer Zeit, der zunehmend repräsentative Wohnsitz eines wohlhabenden Bürgers (Patriziers) samt Familie auf dem Land
Kodifiziertes Gestaltungsprogramm (symmetrische Fassade mit Porticus, Säulen, Risaliten, Erkern, Treppe zum erhöhten Erdgeschoß etc.) und Raumprogramm (Aufgangstreppe, Vestibül, Empfangsraum, Herren- und Damenzimmer, private Räume im Obergeschoß) s. Villen der Renaissance z.B. von Palladio
Die klassischen Berliner Villenvororte des Klassizismus vor den Toren der Stadt z.B. das Berliner Tiergartenviertel angelegt in der ersten Hälfte des 19.Jahrhdt, oder die Gründung der Villenkolonie Lichterfelde von Carstenn ab 1869 oder Wilhelm Conrads Colonie Alsen in Wannsee 1870
Die Villa: Ein Haus mit Sockel (für die Bediensteten) „über dem Garten“ Das Landhaus: Ein Haus mit ebenerdigem Erdgeschoss „im Garten“ (J. Posener)
Ende des 19. Jhrdts Reformbewegung in England: Ebenezer Howard „Garten cities of tomorrow“ Erste Gartenstadt: Letchworth
In Deutschland wird Hermann Muthesius “Das englische Haus” 1903 zum Initiatior und Reformator der Landhaus-Architektur. Das Landhaus im Gegensatz zur Villa „Houses are built to live in, not to look at.“ Der Berliner Südwesten (Zehlendorf mit Dahlem und Wannsee, Steglitz mit Lichterfelde und Lankwitz, Potsdam mit Babelsberg und Griebnitzsee sowie die südwestlichen Gemeinden und Dörfer) – ein bevorzugter Standort für diesen Haustyp
Die Häuser von Muthesius oder von Mies in ambitionierten Landhauskolonien wie Dahlem,
Nikolaussee, Frohnau, Neu-Babelsberg
Im Gegensatz zu diesen bürgerlichen Konzepten: die Gartenstadtbewegung und die Landhaus- und
Kleinhaussiedlungen, verknüpft mit dem Genossenschafts-Gedanken als bewusst anti-bürgerliche
Bewegung mit dem Anspruch, auch Niedrig-Verdienern eine Existenz im Grünen, in gesunden Wohn- und
Lebensverhältnissen zu ermöglichen.
Das führt nach dem 1. Weltkrieg zu den großen Reformbewegungen in Wohnungs- und Städtebau der
Weimarer Republik, die auch maßgeblich von jüdischen Architekten gestaltet und umgesetzt wurden.

Station 1
Haus Bejach in Steinstücken, Bernhard-Beyer-Straße von Erich Mendelsohn

Busausstieg: B.-Beyer-Straße, Busparken: Steinstraße
Innenbesichtigung und Erläuterungen durch Helge Pitz
Der Arzt Dr. Curt Bejach , geboren 20.12.1890 in Jena, 1892 Umzug der Familie Bejach nach Berlin,
mit 7 Geschwistern wohnhaft in der Claudiusstr. 15 (Hansaviertel). Um 1910 ließ sich die Familie
taufen
Studium der Zahnmedizin, kommunalpolitisch und sozialmedizinisch engagiert u. a. in der
Gesundheitspolitik der Weimarer Zeit, Mitbegründer des Gesundheitshauses Am Urban, Mitglied der
SPD (s. Martin Düspohl, Kleine Kreuzberg-Geschichte, Berlin 2009)
1926/27 Bau des Hauses Bejach durch den mit der Familie befreundeten Erich Mendelsohn
1931 Tod seiner Frau Helene
1933 Entlassung als Stadtarzt
1936 erzwungener Verkauf des Hauses und Auszug der Familie
1938 Entzug der Approbation und Berufsverbot – nur noch Tätigkeit als „Krankenbehandler“ für
jüdische Patienten
1939 werden die zwei jüngeren Töchter mit einem Kindertransport nach England geschickt
31.10.1944 Tod von Curt Bejach im Vernichtungslager Auschwitz
Die älteste Tochter Jutta Grosser lebt heute in den USA und steht in Briefkontakt mit H.Pitz
Erich Mendelsohn – einer der bekanntesten Architekten des Neuen Bauens und des Expressionismus
weltweit . Viele Ausstellungen und Publikationen, die letzte 2004 in der AdK (1887 geboren in
Allenstein – gestorben 1953 in San Francisco)

Die Erich-Mendelsohn-Stiftung wurde am 6.9.2009 im Haus Bejach gegründet
Weitere Bauten von Erich Mendelsohn: Einstein-Turm in Potsdam, Columbus-Haus am Potsdamer
Platz (1945 zerstört), Schaubühne am Lehniner Platz (früher Universum-Kino Umbau J Sawade) mit
WOGA-Wohnungsbauten, Haus am Rupenhorn in Charlottenburg, IG-Metall-Haus in BerlinKreuzberg,
De La Warr- Pavillon in Bexhill on Sea (Sussex) England, Villa Weizmann in
Rehovoth/Israel, weitere Bauten in Israel und in den USA
Weitere Architekten: Breslauer und Salinger Paul und Elisabeth Salinger, geb. Breslauer, beide
lebten in Potsdam, Jägerallee 25, umgekommen Ende 1942 in Theresienstadt (Stolperstein)
Weitere Bauten jüdischer Architekten in Potsdam- Babelsberg und Griebnitzsee, in Caputh
(Sommerhaus Einstein von Konrad Wachsmann) und in Geltow

Station 2
Landhaus Frank in Geltow bei Potsdam (1928-1930), Auf dem Franzensberg 1-3 von Ernst
Ludwig Freud

E. L. Freud 6.4.1892 geboren in Wien als 4. Kind von Sigmund und Martha Freud, lebte von 1919 bis
1933 in Berlin – seine Frau Lucie war Berlinerin-.. Bücherverbrennung am 10.5.1933 (angeblich eine
spontan entstandene, in Wirklichkeit gezielt vorbereitete Aktion von nationalsozialistischen Studenten,
auf dem Bebelplatz, bei der auch Bücher seines Vaters verbrannt werden. Wohl kurze Zeit später
emigriert E. L. Freud nach London, wo er Mitglied des RIBA wird. Dort weitere Wohnbauten.
1938 holt er seine Eltern aus Wien nach London nach Hampstead, wo er ihnen ein Haus kauft und es
umbaut, (heute Sitz des Freud-Museums) S. Freud stirbt 1939, E L. Freud arbeitet weiter bis 1966 als
Architekt, hat sich dann mit der Herausgabe der Korrespondenz seines Vaters beschäftigt, 1970 Tod
in London, sein Sohn ist der weltbekannte Maler Lucian Freud
E.L Freud war seit seiner Kindheit ein enger Freund von Richard Neutra, ebenfalls aus Wien, der auf
Einladung von Freud nach Berlin kommt, dort im Büro von Mendelsohn arbeitet, aber schon 1923 in
die USA auswandert
Es sind 11 Berliner Bauwerke von E.L Freud bekannt, einige davon Umbauten, außerdem eine Reihe
von Wohnungseinrichtungen:
Doppelhaus Levy/Hofer in Dahlem, Im Dol 44/44a, teilzerstört
Haus Dr. Lampl in Grunewald, Waldmeisterstr. 2, durch Umbauten stark verändert
Tabakspeicher für die Zigarettenfabrik „Problem“ in Prenzlauer Berg
Haus Scherk in Lankwitz, Mozartstr. 10(1930-31)
Umbauten z.B. des Hauses Dr. Wittgensteiner in Neu-Babelsberg
Freuds Werk, eine allmähliche Entwicklung von den Wiener Traditionen (Adolf Loos, Josef Hoffmann)
zum Neuen Bauen der Moderne

Anfahrt: B 1, von Berlin-Zehlendorf 23 km (ca ½ Std) durch Potsdam nach Geltow, dann links und
rechts in die Straße Auf dem Franzensberg
Busstop: Ende der Straße, Buskehre in Stichstraße
Heutiger Eigentümer des Landhauses Dr. Frank in Geltow am Schwielowsee, Auf dem Franzensberg
1-3: laut Schild: Rembold
Aufwendig renoviertes Haus, mehrfach gegliederter kubischer Baukörper in Sichtmauerwerk aus
hellrotem Ziegel und mit blau-grauen Fenstern und mit persisch-blau glasierten Keramikreliefs neben
dem Eingang auf sehr großem Hanggrundstück mit großartigem Blick auf den Schwielowsee,
Gartenanlage sehr aufwendig restauriert mit z. T. sehr altem Baumbestand
Eigentümer Dr. Theodor Frank, Bankdirektor und Kommerzienrat, der nach 1937 (bis dahin Eintrag im
Berliner Adreßbuch) wohl Deutschland verlassen hat, weiteres Schicksal unbekannt
Ab 1945 Wohnsitz für einen sowjetischen General und den DDR-Industrieminister Fritz Selbmann,
dann bis 1994 Kinderheim „Lotte Pulewka“
Nach 1990 Restitution an die Nachkommen der Familie Frank, währenddessen Leerstand und
Verwahrlosung in den späten 90er Jahren mehrere Berichte und Fachpublikationen über das Haus, in
denen es als „fast schon verloren“ beschrieben wird.
1994 im Eigentum der Fa. Agromex, Leipzig
Renovierung und Instandsetzung in den letzten Jahren
Heutiger Besitzer/Bewohner: Rembold (früher Geschäftsführer der Fa. Agromex)
Berliner Bauwerke von E.L Freud: Doppelhaus Levy/Hofer in Dahlem, Im Dol 44/44a teilzerstört
Haus Dr. Lampl in Grunewald, Waldmeisterstr. 2, durch Umbauten stark verändert
Tabakspeicher für die Zigarettenfabrik „Problem“ in Prenzlauer Berg
Landhaus Dr. Frank in Geltow am Schwielowsee, Auf dem Franzensberg 1-3
Umbauten z.B. des Hauses Dr. Wittgensteiner in Neu-Babelsberg
Freuds Werk, eine allmähliche Entwicklung von den Wiener Traditionen (Adolf Loos, Josef Hoffmann)
zum Neuen Bauen der Moderne
Dr. Günter Schlusche

Literatur
Dietlinde Peters, Curt Bejach, Jüdische Miniaturen, Berlin 2010
Erich Mendelsohn – Dynamik und Funktion, Ostfildern-Ruit 2003
Dietrich Worbs, Ernst Ludwig Freud in Berlin, in: Bauwelt Nr. 42, 1997, S.2398 ff.
Andreas Austillat, Modernes Haus am Schwielowsee, in: Tagesspiegel 25.1.1998

 

Tag des offenen Denkmals
Kant-Garagen und Bürohaus Bismarckstraße
Führung Dr. Günter Schlusche und Claudia Marcy
Sonntag, 12. September 2010 um 14:00 Uhr
Fahrradtour
Treffpunkt: Kantstraße 126-127, Charlottenburg
Maximal 30 Personen, Anmeldung erforderlich bis 10.9. bei
Bitte Fahrrad mitbringen!
Verkehrsverbindungen: S-Bhf. Savignyplatz, U-Bhf. Wilmersdorfer Straße, M 49, X 34
Die Kant-Garagen, erbaut 1929-30 u.a. von Richard Paulick, Louis Serlin und Hermann Zweigenthal,
gehören zu den ersten Hochgaragen, die eine getrennte Auf- und Abfahrtsrampe besitzen.
Das Bürohaus Bismarckstraße von Martin Punitzer hebt sich besonders durch Fensterbänder und
seine Keramikverkleidung hervor. Zweigenthal und Punitzer zählen zu den jüdischen Architekten, die
ihre Heimat verlassen und emigrieren mußten.

Protokoll der Architekturführung von Dr. Günter Schlusche und Claudia Marcy
Kurzbericht zur Führung der GjA zum Kant-Garagenpalast in der Kantstr. 126-127 und zum
Geschäftshaus von Martin Punitzer in der Bismarckstr. 5, beide in Berlin-Charlottenburg, am
12.9.2010 im Rahmen des Tages des offenen Denkmals 2010 (Thema: Kultur in Bewegung –
Reisen, Handel und Verkehr)

An der Führung nahmen über 30 Personen teil, darunter Dr. Marianne Suhr, Jutta Sartory, Ingo
Kratisch, Markus Hawlik, Andrea Lerner, Frau Offenberg, Peter Förster-Baldenius, das Ehepaar
Hagemann, Herr Olsson, ein Architekturstudent der TUB, der zur Geschichte der Kant-Garagen
arbeitet, und weitere Personen.

Der erste Teil der Führung war den Kant-Garagen (auch Kant-Garagenpalast Louis Serlin oder
Serlin-Rampenhaus genannt) gewidmet, der 1930 eingeweihten ersten Hochgarage in Berlin, die bis
heute gemäß ihrer ursprünglichen Konzeption und in kaum veränderter Gestalt genutzt wird. Das
sechsgeschossige, gealterte und vernachlässigte Gebäude hat zur Straße eine strenge, durch
Glasbänder und Putzflächen gegliederte Fassade mit Tankstellen- und Autowerbung in den unteren
zwei Geschossen. Die zum S-Bahndamm ausgerichtete Südfassade ist mit ihrer vollflächigen, an den
Enden gerundeten Glasfassade eleganter, aber durch nachträgliche Vermauerung des
Erdgeschosses auch verunstaltet.
Bei der vorhergehenden Einholung der Zustimmung des Gebäudeeigentümers, der Kant-Garagen
GmbH (Teil der Pepper-Unternehmensgruppe), gab es gewisse Missverständnisse, die aber bei
einem Vorbereitungstreffen mit Frau Hofrichter, der Vertreterin des Eigentümers, dem Pächter der
Autowerkstatt BBL, Herrn Luther, und mit dem Architekten der Gruppe, Herrn Platena (Platena &
Jagusch Email: pja@zwo4.com) vollständig ausgeräumt werden konnten. Der Eigentümer erwies sich
dann als sehr kooperativ und hat ebenfalls am 11.9.2010 zum Tag des offenen Denkmals eine
Führung durch das Gebäude durchgeführt.
Nach einer kurzen Einführung zu den Zielen und Tätigkeiten der „Gesellschaft zur Erforschung des
Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten“ wurden die Architekten des Gebäudes
vorgestellt. Es handelt sich um den jüdischen Architekten Hermann Zweigenthal (später Hermann
Herrey, 1904-1968), der das Gebäude maßgeblich entwarf. Nachdem der Bauherr Louis Serlin zuerst
die Architekten Lohmüller, Korschelt und Renker beauftragt hatte, gewann er vor Baubeginn den
D.A.C (Deutscher Auto Club) als Pächter des Gebäudes. Dieser brachte seinen „Hausarchitekten“
Zweigenthal ein und Zweigenthal zog seinen Kommilitonen und Partner Richard Paulick (später
Architekt von Bauten an der Stalinallee und des Wiederaufbaus der Staatsoper in Ost-Berlin) für die
Bauausführung hinzu. Im Bauantrag firmieren alle fünf Architekten, in der Literatur wird jedoch
Zweigenthal als hauptverantwortlich für den Entwurf benannt (Thomas Katzke, Hermann
Zweigenthal/Herrey 1904-1968, in Bauwelt Nr. 17/2004, außerdem Bauwelt Nr. 42/1930 und Judith
Solt/Hubertus Adam, Bauen für das Auto – Neue Typologien, in www.nextroom.at, archithese 2006).
Zweigenthal wurde in Wien geboren, studierte in den zwanziger Jahren an der TH Berlin u. a. bei
Hans Poelzig, arbeitete dann als Architekt in Berlin und wurde 1933 kurzzeitig von der Gestapo
verhaftet. 1933 emigrierte er in die Schweiz, dann wieder nach Wien und von dort 1935 nach London,
wo er den Namen Herrey annahm. Nach einer Tätigkeit als Bühnenbildner emigrierte er 1940 in die
USA, wo er wieder als Architekt arbeitete. 1955 kehrte er als Regisseur nach Deutschland zurück und
erhielt für seine Inszenierungen u.a. von Stücken von Eugéne Ionesco Preise. Nach der Rückkehr in
die USA und erneuter Arbeit als Architekt starb er dort 1968. (s. auch Myra Warhaftig, Deutsche
jüdische Architekten vor und nach 1933 – Das Lexikon, S. 489)
Die Führung begann im Eingangsbereich, in dem sich neben der Zufahrt zu den Garagen und
Stellplätzen eine Tankstelle und das Büro einer Autowerkstatt befinden. Die Hochgarage hat auf 6
Geschossen ca. 200 verschließbare Einzel- und 100 Gemeinschaftsgaragen, die über zwei
ineinandergreifenden Wendelrampen für Auf- und Abfahrt erschlossen werden. Statt des ursprünglich
in der Rampenmitte geplanten Lichthofs wurden dort Waschboxen eingerichtet, die jetzt als
Werkstattflächen vermietet sind. Das Gebäude ist in einem ziemlich schlechten Zustand, wird aber
bis heute kontinuierlich im ursprünglichen Sinn genutzt und hat deswegen viele originale Details, u. a
die meisten Fenster, die Grundrissdisposition, die lamellenförmige Schließvorrichtung für die
Stellplätze und die Rampen mit Details der ursprünglichen Feuerschutzvorrichtung.
Die weitere Nutzungsgeschichte der Kant-Garagen ist ebenfalls sehr aufschlussreich, denn der
Bauherr Serlin war Mitglied des Jüdischen Handwerkervereins und wurde als Jude enteignet. Sein
Besitz wurde 1938 „arisiert“(Information von Kreutzmüller/Wildt, Forschungsprojekt zu jüdischen
Gewerbebetrieben an der HU Berlin), so dass er 1939 mit seiner Familie in die USA emigrieren
musste. Nach 1945 kehrte er nach Berlin zurück und bewirtschaftete seinen Besitz wieder. Angeblich
wurden die Kant-Garagen auch 1975 von den Entführern des CDU-Politikers Peter Lorenz als Depot
genutzt (s. Artikel von Martina Scheffler in der Berliner Zeitung v. 28.7.2010). Bis heute ist das
Gebäude nach Aussagen des Pächters der Autowerkstatt voll vermietet: Bei den Gesprächen mit dem
Eigentümer und dessen Architekten war weder von Renovierungs- noch von Abriss- und
Neubauplänen etwas zu hören.
Auf dem südlichen Teil des Nachbargrundstücks Kantstr.125 befindet sich übrigens die ehemalige
Privatsynagoge des Synagogenvereins „Thora-Chessed“, die in einem schlechten Bauzustand ist,
aber jetzt als Wohnhaus und für kulturelle Zwecke wieder genutzt wird (s. Nicola Galliner u.a.,
Wegweiser durch das jüdische Berlin, Berlin 1987, S. 187 f.
Der zweite Teil der Führung widmete sich mit dem Bürohaus Bismarckstraße 5 dem Thema „Handel
in der Architektur“.

Das Bürohaus Bismarckstraße hebt sich heute in der Umgebung der Nachkriegsbauten kaum noch
hervor. Zu seiner Entstehungszeit im Jahr 1927 muss es im Kontext der benachbarten
Gründerzeitbauten jedoch für große Aufmerksamkeit gesorgt haben. Architekt des Bürohauses war
der jüdische Baumeister Martin Punitzer (1889-1949). Dessen Lebensweg und Hauptwerke sollen im
Folgenden vorgestellt werden, im Anschluss dann das Bürohaus Bismarckstraße.
Martin Albrecht Punitzer wurde 1889 in Berlin geboren; nach einer Maurerlehre an der
Baugewerkschule in Stettin studierte er Architektur an der Königlichen Technischen Hochschule zu
Berlin. 1913 gründete Punitzer ein eigenes Architekturbüro und erhielt 1923 seinen ersten größeren
Auftrag: das Wohnhaus für den Bankier Schönbach, das noch ganz dem Landhausstil verpflichtet ist.
1925 folgte der Auftrag für das Bürohaus Bismarckstrasse 5 in Berlin-Charlottenburg, mit dem
Punitzers Karriere als Architekt begann. Es folgten 1928 die „Spezialfabrik elektrischer
Meßinstrumente und Widerstände Robert Abrahamsohn“(1928) sowie das Wohnhaus Abrahamsohn
(1928), der Roxy-Palast (1929), der Umbau der Komischen Oper (1929, Friedrichstraße), die
Maschinenfabrik Lindner (ab 1932) und die Hellas Zigarettenfabrik (1932). In vielen unausgeführten
Entwürfen setzte er sich mit Fragen der Großstadtarchitektur auseinander, zu denen ein Autohotel
(1928/29) in Berlin-Schöneberg, ein Hotelprojekt für die Hardenbergstrasse (1930) sowie ein
Hotelhochhaus für die Ecke Kant-/Fasanenstrasse in Berlin-Charlottenburg (1930) und ein
Geschäftshaus für die Ecke Bismarck-/ Leibnizstrasse (1929) zählen.
Punitzers Aufnahmegesuch in die Reichskammer der bildenden Künste, Fachverband für Baukunst,
wurde abgelehnt und ihm damit 1935 die Berufsausübung untersagt. Auch die Konversion zum
Katholizismus im März 1933 brachte ihm keine Vergünstigungen ein. Bis 1938 blieb die Familie noch
in Deutschland. In Folge der Reichspogromnacht wurde er am 10.11.1938 ins Konzentrationslager
Sachsenhausen gebracht, wo er durch Unterstützung des St. Raphael-Vereins nach 16 Tagen wieder
entlassen werden konnte. Kurz vor Weihnachten gelang es der Familie, Deutschland über Holland zu
verlassen und nach Chile zu emigrieren, wo sie 1939 eintraf. In Chile konnte Punitzer nicht wieder an
seine Erfolge anknüpfen; er arbeitete ab Sommer 1940 für den Architekten Bernardo Hantelmann und
ab 1942 für Kurt Uthemann. Am 7. Oktober 1949 starb er an den Folgen eines Herzinfarkts in
Santiago.
Erste Planungen (1925) für das Bürohaus Bismarckstraße zeigen einen eingeschossigen Bau für
Ausstellungs- bzw. Tankzwecke. 1926 reicht Punitzer einen weiteren Entwurf für das trapezförmige
Grundstück ein, der ein sechsgeschossiges Bürohaus präsentiert, dem hofseitig ein sechs Meter
breiter eingeschossiger Anbau vorgelagert ist. Ursprünglich sollten im Erd- und ersten Obergeschoss
die Räumlichkeiten für ein Café entstehen und der Anbau als Terrasse dienen. Die zwei unteren
Geschosse sind deshalb mit großen Schaufenstern versehen. Links fügt sich ein stumpfwinkliger
Eingang an. Im ersten Obergeschoss ist der Fensterfront ein schmaler Balkon mit geschwungenem
Abschluss vorgelagert. Die drei oberen Stockwerke sind mit kleineren Schiebefenstern versehen und
kennzeichnen dadurch ihre Funktion als Büroräume.
Wichtig war es Punitzer, dem Eisenskelettbau ein besonderes Äußeres zu verleihen. Deshalb
entschied er sich für eine beigefarbene Keramikverkleidung, die sowohl für ein Kaffeehaus als auch
für ein Bürohaus geeignet war. Außerdem diente sie als guter Untergrund für Werbezwecke. Die
Keramikplatten stammen von der bekannten Richard Blumenfeld A.G. in Velten, die z. B. auch
Grenander für seine U-Bahnhöfe belieferte. Mit grünen Keramikplatten bzw. Formsteinen setzte
Punitzer einen dekorativen Kontrast auf der hellen Fassade, die künstliche Schatten bildeten.
Den modernen Ideen eines Geschäftshauses entsprechend setzte Punitzer Leuchtreklamen zu
Werbezwecken ein, die er an den Brüstungsfeldern und dem westlichen Seitenpfeiler anbrachte.
Besonders hier machte er aus den ungünstigen Gegebenheiten des schiefwinkligen Grundstückes
eine Tugend, indem er den Eckpfeiler durch ein sogenanntes „Nasentransparent“ in seiner Breite
minimierte. Es entstand der Eindruck, die Achse zwischen Fenster und Brandmauer sei bewusst an
der westlichen Seite etwas größer gewählt worden.
Während der Bauzeit änderte sich das Nutzungskonzept: Die Cafékonzession konnte nur sehr schwer
erlangt werden, so dass die Räumlichkeiten der beiden ersten Geschosse von dem Unternehmen „F.
E. Steckfuss Automobile“, einem Vertragshändler von Chrysler, für Ausstellungsräume angemietet
wurden. Im Herbst 1927 erfolgte dann die Gebrauchsabnahme des Hauses und 1928 folgte der
Einbau der Büros.
Heute hat man den Eindruck, das Bürohaus stamme wie viele seiner Nachbarbauten aus den 50er
oder 60er Jahren. Denn starke Zerstörungen während des Zweiten Weltkrieges haben zahlreiche
Häuser in der Bismarckstraße vernichtet. So ist es umso bemerkenswerter, dass Punitzers Bürohaus
noch in seiner Grundstruktur erhalten ist. Viele Details wurden jedoch verändert: die Fenster, die
Fassadenverkleidung – die beiden unteren Geschosse sind mit Travertinplatten, die oberen mit
Keramikplatten verkleidet –, der Balkon abgebrochen sowie Werbeflächen beseitigt.
Berlin, den 27.11.2010