Führungen 2016

Führung am 11.9.2016 14 Uhr – Tag des offenen Denkmals – zu Oskar Kaufmanns Berliner Theaterbauten

„Oskar Kaufmann stammte aus Ungarn und war der Architekt zahlreicher Berliner Theater, zu denen nicht nur das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm, sondern auch das denkmalgeschützte Renaissance-Theater, die Volksbühne und das Hebbel-Theater gehören. Während diese Bauten bis heute die Kulturlandschaft Berlins prägen, ist der Architekt im öffentlichen Bewusstsein wenig präsent – zu Unrecht. Nach 30-jähriger erfolgreicher Tätigkeit musste Oskar Kaufmann nach 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft aus Deutschland fliehen und gelangte nach Palästina, wo er ebenfalls als Architekt arbeitete. 1939 kehrte er über Rumänien in seine Heimat zurück und starb nach später Rehabilitation 1956 in Budapest. In Berlin und anderen Städten zeugen neben den Theaterbauten noch zahlreiche Villen und Geschäftshäuser von seinem Wirken.“

Oskar Kaufmann (geb 1873 in Neu St. Anna/Ungarn, gestorben 1956 in Budapest)

 Studium in Budapest und Karlsruhe, finanziert u.a. mit Klavierspiel, Übertritt zum Christentum aus Anlass seiner Heirat, erste berufliche Tätigkeit in Berlin bei Bernhard Sehring (Theater des Westens, Stadttheater Cottbus), dann selbständig mit vielen Auftraggebern aus der Musik-, Theater- und Literaturszene.
Ab 1911 vielleicht auch erst 1916 Partnerschaft mit den ebenfalls aus Ungarn stammenden Architekten Eugen Stolzer
1933 aufgrund der Repressionen und dem drohenden Berufsverbot durch die nationalsozialistische Reichskulturkammer Emigration nach Palästina v.a. wegen des Auftrags für das Habima Theater in Tel Aviv (parallel auch Emigration von Eugen Stolzer)

 

Ca. 45 Teilnehmer, darunter Jutta Sartory, Ehepaar Hagemann, Herr Olsson, Sharon Golan, (Programmdirektorin des Liebling-Center for the White City conservation, Tel Aviv) mit vier weiteren Gästen aus Tel Aviv/Israel

 

  1. Station Theater am Kurfürstendamm, Kurfürstendamm 208-209, und Komödie, Kurfürstendamm 206-207, Führung mit Martin Wölffer (Intendant) durch die Säle und die Bühnenräume beider Theater, die Tischlerwerkstatt und ins Foyer

Theater und Komödie am Kurfürstendamm – entstanden in den 20er Jahren als sich das kulturelle Leben im „Neuen Westen“ entlang des Kurfürstendamms immer weiter entwickelte und ausgebaut wurde – heute neben zwei Kinos und der Schaubühne die letzten Kultureinrichtungen am Kurfürstendamm

Seit Ende der 70er Jahre eingebaut in das Kudamm Karree (Architektin Sigrid Kressmann-Zschach) , für das ein neuer Investor (Cells Bauwelt, München) zuerst mit dem Architekten David Chipperfield, nun mit dem Architekten Jan Kleihues, eine grundlegenden Umbau plant, dem beide Theaterbauten zum Opfer fallen sollen.

Beide Theater haben den für Max Reinhardts Theater typischen Rundhorizont und stehen nicht unter Denkmalschutz, da in beiden Innenräumen durch die u.a. kriegsbedingt vorgenommenen Änderungen zu viel Originalsubstanz verloren gegangen ist. Außerdem hat sich der Berliner Senat nach Auskunft von Herrn Wölffer den für beide Theater gültigen Bestandschutz vor etlichen Jahren durch eine einmalige Zahlung von 4 Mio DM abkaufen lassen. Hinter dem Investor verbirgt sich nach Auskunft von Herrn Wölffer angeblich eine Briefkastenfirma, deren Spuren nach Russland führen (Geldwäscheverdacht?). Herr Wölffer gibt zu erkennen, daß er im äußersten Fall die Erhaltung der Komödie bevorzugen würde, da deren Betrieb aufgrund der kleineren Größe und der geringeren Bewirtschaftungskosten (niedrigere Brandschutzauflagen) kostengünstiger sei.

In Israel existieren noch folgende Bauten von Oskar Kaufmann:

Habimah Theater, Tel Aviv, 1934 – 38
Kino Ha Ora, Haifa
Dunklblum-Haus, Tel Aviv, 1935

1939 Remigration nach Budapest, dort Verfolgung und berufliche Probleme, ab 1948 Rehabilitation und kleinere Bauaufgaben,
1956 Tod in Budapest

Kaufmanns Theaterbauten in Berlin:

Hebbel-Theater 1906/1907 (Intendant Dr. Eugen Robert)
Volksbühne 1913/14 (nach Kriegszerstörungen 1952/54 stark verändert wieder aufgebaut)
Krolloper (1920-29) Ausweichquartier des Reichstags nach dem Reichstagsbrand, zerstört
Renaissance-Theater (Umbau des Terra-Kinos zum Theater 1921/22 und 1926/27)
Tribüne

Daneben zahlreiche Geschäfts- und Versammlungsbauten (u.a. der Sportpalast in Schöneberg Potsdamer Str, 1974 abgerissen für den „Sozialpalast“), Wohnbauten und Villen v.a. in Berlin-Grunewald: Villa einer jungen Dame, Villa Konschewski, Villa Epstein etc.

Außerdem Theater in Wilhelmshaven, Stadttheater in Wien und Stadthalle in Grünberg (Zielona Gora)

Theater am Kurfürstendamm

1904/05 Bau des von dem Architekten Bruno Jautschus entworfenen Ausstellungsgebäudes der Berliner Secession (Präsident Max Liebermann)

1907/08 Umbau des Secessions-Mittelteils in ein Interims-Theater ebenfalls durch B. Jautschus

1921 erneut weitgehender Umbau durch Oskar Kaufmann, beauftragt durch den Regisseur Dr. Eugen Robert

Neuer Theater-Bautyp „Das ranglose Saaltheater mit Logenkranz“

Positive Kritiken u.a. v. Paul Zucker und Alfred Kerr
Bühne und Zuschauerraum mit 798 Plätzen

1928 Verpachtung des Theaters an Max Reinhardt und wiederum Umbau durch Oskar Kaufmann mit neuem Bühnenturm und neuem Eingang, aber noch ohne Frontbau an der Straße

Komödie                                                     

1922 Bauauftrag der Tattersall AG an Oskar Kaufmann für ein Geschäftshaus ursprünglich mit einem Lichtspieltheater, das im Rohbau bereits 1924 u.a. durch Tieferlegung des Fussbodens von Foyer und Saal zu einem Theater für den Regisseur und Intendanten Max Reinhardt umgebaut wurde

Eröffnung am 1.11.1924 mit 469 Plätzen
1928 Übernahme der Komödie ebenfalls durch Max Reinhardt

1932 Rückzug Max Reinhardts von beiden Kudamm- Bühnen, 1933 Emigration nach Österreich und in die USA

1934/36 Übernahme beider Theater durch Hans Wölffer, dann nach vielen Manövern und z.T. unglaublichen Kunstgriffen Wölffers., um seine z.T. jüdischen Schauspieler und Autoren zu halten, 1942 Enteignung beider Theater durch die Nationalsozialisten,
1951 und 1963 wieder Übernahme beider Theater durch Hans Wölffer (Restitution?)

2004 Übernahme durch Martin Wölffer

 

  1. Station Renaissance-Theater

Außenbesichtigung und Besichtigung des Foyers
Renaissance-Theater

Umbau des 1902 an der Ecke Knesebeck-/Hardenbergstr. von Reimer & Körte errichteten Eckhauses , zuerst in ein Kino („Terra-Kino“, 1921/22), dann in eine kleine Bühne, 1926/27 erneuter Umbau durch Oskar Kaufmann in eine große, haezu stützenfreie Bühne mit 422 Plätzen, mit Nebenräumen, Logen, einem halbrunden Vorbau und v. a. mit reichhaltiger Innenausstattung, die nahezu vollständig erhalten ist.
Innenwände mit Intarsien von Cesar Klein aus Holz, Schildpatt, und Muscheln,
Die farbigen Raumfassungen mit Wandbespannungen wurden 2005, der Kronleuchter 2014 restauriert.

 

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