Enthüllung der Gedenktafel für Myra Warhaftig 2011

Zur Enthüllung der Gedenktafel für Myra Warhaftig laden wir Sie und Ihre Freunde herzlich ein:
Dessauer Str. 39 in Berlin Kreuzberg
Dienstag, 3. Mai 2011 um 15:00 Uhr
Verkehrsverbindungen: U + S Bf. Potsdamer Platz, M 29, M 41
Grußworte:
André Schmitz, Staatssekretär
Klaus Meyer-Hartmann, Präsident der Architektenkammer Berlin
Orly Warhaftig, Tel Aviv
Günter Schlusche, Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer
Architekten e.V.

Wir danken allen, die für die Gedenktafel gespendet haben und all denen, die dazu beitragen, das Lebenswerk von Myra Warhaftig als Vermächtnis sichtbar werden zu lassen.
Spendenkonto 62 66 95 100, BLZ 100 100 10, Postbank Berlin

Bericht von Dr. Günter Schlusche 

Anwesend: Ca. 70 Personen, darunter Orly Fatal-Warhaftig, Ronen Fatal, Tomari Warhaftig, Prof. Dr. Wolfgang Ribbe (Vorsitzender Historische Kommission zu Berlin), Klaus Meyer-Hartmann (Präsident Architektenkammer Berlin), Dr. Peter Hahn (ehem. Direktor Bauhaus-Museum), Frank Bielka (Vorstand der DeGeWo – Eigentümer des Hauses Dessauer Str. 39), Erika Kröber (Pressesprecherin DeGeWo), Herr und Frau Hagemann, Angela Grützmann, Monika Regensburger, Prof. Ingrid Götz, Dr. Georg Kohlmaier, Karen Axelrad, Hannelore Kossel, Justus Oehler, Carolin Schönemann (AdK Abt. Baukunst), Beatrice Schneiderreit, Helge Pitz, Prof. Ulf Meyer, Andreas Lavin, Evelyn Kallmann, Herr Ruccius (Halbbruder von Tomari und Orly) mit Familie, Dido und Claudia Lenssen, Renate Sami, Johannes Beringer, Magda Westphal, Andreas Kübler (BBR), Ariel Schiff, Shmuel Hoffmann, Stephen Tree, Zvi Hecker, Dr. Hedwig Wingler, Ines Sander, Erika Falkenreck, Beate Behrens (Reimer-Verlag), Claudia Marcy, Jutta Sartory, Ingo Kratisch, Markus Hawlik, Günter Schlusche

Auf der Veranstaltung sprachen Frank Bielka (DeGeWo), Orly Fatal-Warhaftig (Redetext liegt vor), Prof. Dr. Wolfgang Ribbe (Vors. Historische Kommission zu Berlin – Redetext liegt vor) für den kurzfristig erkrankten Staatssekretär André Schmitz, Klaus Meyer-Hartmann und Dr. Günter Schlusche (Gesellschaft jüd. A.) zur Enthüllung der Gedenktafel für Myra Warhaftig. Die Initiative zur Anbringung der Gedenktafel war von der Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten ausgegangen, die auch die Spenden für deren Herstellung u.a. von der Akademie der Künste, der Architektenkammer Berlin sowie von vielen privaten Spendern gesammelt hatte.

Die Gedenktafel wurde im Rahmen des von der Historischen Kommission zu Berlin betreuten „Berliner
Gedenktafel“-Programms erstellt. Die Tafel aus weißem Porzellan wurde von der KPM hergestellt.
Die Gedenktafel wurde an dem von Myra Warhaftig im Rahmen der Internationalen Bauausstellung Berlin (IBA 1987) entworfenen Wohnhaus Dessauer Str. 39 angebracht´. Das Haus entstand als Beitrag zur Realisierung emanzipatorischer Wohnformen und experimenteller Wohnungstypen (Planung 1985 bis 1988) zusammen mit Wohnbauten von Zaha Hadid, Christine Jachmann, Romuald Loegler und Daniel Karpinski (Gartenarchitektin Hannelore Kossel) und wurde 1993 von der DeGeWo als Bauherrin fertiggestellt. Myra Warhaftig hatte in diesem Haus seit dessen Fertigstellung bis zu ihrem Tod gewohnt.
Berlin, den 14.5.2011

 

Begrüßungsrede von Prof. Dr. Wolfgang Ribbe

Sehr geehrte Orly Warhaftig,
Sehr geehrter Herr Meyer-Hartmann,
Lieber Herr Schlusche,
Meine verehrten Damen und Herren,
die Senatsverwaltung für Kultur engagiert sich seit vielen Jahren zusammen mit der Historischen Kommission zu Berlin in einem Gedenktafel-Programm, das an Orte, vor allem aber an Persönlichkeiten erinnern will, die mit den Geschicken dieser Stadt eng verbunden sind. Dabei ist es uns ein besonderes Anliegen, die Leistungen jüdischer Berliner in und für ihre Stadt hervorzuheben.
Das verbindet uns mit Myra Warhaftig, die aus Israel kommend über Paris nach Berlin gelangte, um hier noch einmal zu studieren, auch um ihre Vorstellungen als Architektin zu realisieren und um sich als
Architekturhistorikerin von Rang zu erweisen.

Der Architekturhistorikerin Myra Warhaftig lag das Schicksal der deutschen Architekten am Herzen, die nach Hitlers »Machtergreifung« ihr Land verlassen mußten, und wenn sie sich nicht zur Flucht entschließen konnten, sich einer todbringenden Verfolgung aussetzten. Zu den unerwünschten Architekten in Hitler-Deutschland gehörten Juden und Nicht-Juden, von denen manche im Ausland ihre Karriere fortsetzten , so Ludwig Mies van der Rohe und Walter Gropius in den USA, und Arthur Korn und Erich Mendelsohn in England. Allein 43 deutsche und österreichische jüdische Architekten gingen in das britische Mandatsgebiet Palästina, um dort weiter zu bauen.
Ihr Leben und Wirken als Grundstein-Leger für das moderne Israel hat Myra Warhaftig in einem »Pilotband« für ihr nachfolgendes Hauptwerk festgehalten.
Jahrzehntelange Recherchen galten diesem Hauptwerk, das sie dem Leben und Wirken von 500 jüdischen
Architekten in Deutschland widmete. In den zwanziger und frühen dreißiger Jahren des vorigen Jahrhunderts schufen deutsch-jüdische Architekten einige der bedeutendsten modernen Bauwerke in Deutschland, vor allem in der Hauptstadt Berlin. Die Palette der Bautypen reicht von der Villa im Nobelviertel über Wohnhaussiedlungen bis zu repräsentativen Öffentlichen Gebäuden. Bei den Recherchen für Ihr »Opus magnum« ist die Autorin nicht immer auf Verständnis gestoßen. Es gab Hausbesitzer, die nicht wussten, dass ihr Haus von einem jüdischen Architekten errichtet worden war. Über solche Begegnungen mit den Eigentümern hat Myra Warhaftig selbst berichtet:
»Sie fragten mich, warum ich das Haus fotografiere. Als ich mein Anliegen erläutert hatte, waren sie wütend und äußerten sich ziemlich abfällig. Da merkte ich, dass es kein Lob war zu sagen, dass es von einem jüdischen Architekten gebaut ist«.
Andere wollten es einfach nicht wahrhaben, dass ihr Haus von einem jüdischen Architekten entworfen worden war und verweigerten ebenfalls ihre Mitwirkung an dem Werk.

Solche Ablehnung begegnet uns zuweilen auch heute noch, wenn wir das Einverständnis der Hausbesitzer für die Anbringung einer Gedenktafel einholen wollen.
Glücklicherweise trifft das auf dieses Haus in der Dessauer Straße 39 nicht zu. Myra Warhaftig hat es selbst
entworfen, sie hat es dem Chef der Internationalen Bauausstellung Berlin 1987 »abgerungen«, um an diesem Beispiel ihre Auffassung von feministischer Architektur anschaulich werden zu lassen:
In dem 1992 fertig gestellten Haus sollen Mann und Frau miteinander und nicht mehr nebeneinander wohnen können, in einem grenzenlosen Lebensraum ohne Flure und fast ohne Türen. Mit diesem Bau, den sie dann bis zu ihrem Tode selbst mit bewohnt hat, ist es ihr gelungen, die Thesen ihrer Promotionsarbeit an der TU Berlin von 1978 zu realisieren, die den noch heute ungewöhnlichen Titel trug: »Die Behinderung der Emanzipation der Frau durch die Wohnung und der Versuch ihrer Überwindung«.

Nach Berlin gekommen ist die 1930 im damals noch britischen Mandatsgebiet Palästina, in Haifa, geborene Myra Warhaftig über Paris, wo sie für ein renommiertes französisches Architektenbüro an den Entwürfen für den Neubau des Campus der Freien Universität Berlin, an der heute so genannten »Rostlaube«, mitarbeitete. Für die weitere Begleitung des Projektes wechselte sie an das neu eröffnete Planungsbüro der Pariser Architekten in Berlin, um dann bis zu ihrem Lebensende in dieser Stadt zu bleiben und zu wirken.
Als Wissenschaftlerin und als praktizierende Architekten hat sich Myra Warhaftig in und für Berlin verdient gemacht. Wir freuen uns, sie heute mit einer Berliner Gedenktafel ehren zu können.
STS- Extemporé:
Im Internet (juedisches-berlin.myblog.de) findet sich folgender Hinweis:
„Kurz vor ihrem Tod hat Kulturstaatssekretär André Schmitz, die von ihr seit langem geforderte Ausstellung über vertriebene und ermordete jüdische Architekten im Jüdischen Museum angekündigt. Ein Projekt, das nun ohne die schier unermüdliche Energie Myra Warhaftigs auskommen muss. Man wird darauf achten müssen, dass es trotzdem begonnen wird.“

 

Rede von Orly Fatal-Warhaftig

Guten Tag, Shalom,
sehr geehrter Herr Prof. Wolfgang Ribbe,
sehr geehrter Herr Klaus Meyer-Hartmann, Präsident der Architektenkammer Berlin
sehr geehrter Herr Dr. Günter Schlusche,
sehr geehrter Herr Bielka, DeGeWo
liebe Freunde und Anwesende,

mein Name ist Orly Fatal-Warhaftig, und ich bin die Tochter von Dr. Myra Warhaftig.
Mein Dank geht an die „Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger
jüdischer Architekten“, die sich für die Ausführung der Gedenktafel eingesetzt haben, ganz besonders
an Herr Dr. Günter Schlusche, Frau Jutta Sartory, Frau Baudisch von der Historischen Kommission zu
Berlin e.V., Herr Max Kattner vom Atelier Werner Kattner – verantwortlich für das Anbringen der
Gedenktafel, Frau Erika Kröber (Pressesprecherin) degewo.
Doch ohne die finanzielle Hilfe der Spender würde diese Gedenktafel jetzt hier nicht hängen. Deshalb
möchte ich mich ganz persönlich, auch im Namen meiner Schwester Tomari, bei allen von ganzem
Herzen bedanken:
Frau Reinhild Bartunek
Herr Adolf Stock
Herr Winfried Brenne
Herr Andreas Kübler
Frau Helga Schmidt-Thomsen
Herr Dieter Frick
Herr Jens Brüning
Herr Peter Konicki
Frau Charlotte Horstmann
Herr Prof. Dr. Günter Spur
Frau Helga Landscheidt
Frau Monika Regensburger
Frau Ilse und Herr Stephan Mainz
Frau Prof. Ingrid Goetz
Herr Dr. Peter Hahn
die Architektenkammer Berlin
die Akademie der Künste / Sektion Baukunst
und ganz besonders Frau Angela Grützmann

Unser Berlin Aufenthalt für diese Gedenkfeier hat unsere Erwartungen übertroffen, Dank dem Besitzer
des AMANO Hotels, Herr Ariel Schiff.

Im März 2008 starb meine Mutter plötzlich und unerwartet.
Myra Warhaftig, Architektin, Bauforscherin und Autorin, war mit großem persönlichen Einsatz bis zu
ihrem Tod an ihrem Lebenswerk tätig: der Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten, die vor und nach 1933 in Deutschland lebten und wirkten.
In diesem Lebenswerk sehen meine Schwester Tomari und ich mit unseren Familien eine wichtige
Verpflichtung.

Meine Mutter wurde 1930 in Haifa geboren, absolvierte dort ihr Architekturstudium am Technion.
Nach Abschluss ihres Studiums in Haifa ging meine Mutter nach Paris; dort arbeitete sie in den Büros
von Auguste Perret und Candillis-Josic-Woods, die sie nach Berlin sandten, um mit einem Team an
der Freien Universität Berlin zu arbeiten.
Sie ließ sich im Jahre 1963 in Berlin nieder und setzte ihre gesamte berufliche und persönliche Kraft
für die Aufarbeitung des jüdischen Anteils der deutschen Architekturgeschichte ein. Diese sollten nicht
in Vergessenheit geraten.
In zwei Büchern, die sie herausbrachte, sind die Namen und Biographien der rund 500 deutschsprachigen jüdischen Architekten zusammengetragen. Ihre Spuren und Lebensläufe recherchierte und dokumentierte sie in einer über zwei Jahrzehnte andauernden intensiven Forschung.

Ihre Bücher „Sie legten den Grundstein“ und „Deutsche jüdische Architekten vor und nach 1933 – Das Lexikon“ gelten als die einzigen baukulturellen Werke dieser Art.
Mit den Forschungsergebnissen sind sowohl inzwischen historisch wichtige Architekten mit ihren
Arbeiten dokumentiert, als auch deren persönliche Leistungen und Schicksale in freundschaftlich
mitfühlender Weise gewürdigt.
Diese Forschung will erinnern und Achtung schaffen für die jüdischen Architekten, die von den Nazis
verfolgt wurden.

In ihrem ersten Buch im Jahre 1969 „Spiel mit den Wohnkuben“ veröffentlichte sie ihre Ideen vom
modularem Bauen. Ihr Interesse am Wohnungsbau begann schon als Studentin bei Professor Alexander Klein, ebenfalls ein jüdischer Architekt, der in Deutschland gelebt und gearbeitet hat.
Alexander Klein entwickelte den Typus der „Wohnung ohne Flur“. Bei dem Entwerfen der Wohnung aus der Sicht der Frau, sah Myra Warhaftig einen wichtigen Schritt zur „Emanzipation der Frau“.
In ihrer Doktorarbeit, die 1982 als Buch erschien, war dieser Gedanke ein wesentliches Thema.
Dieses Projekt, vor dem wir hier heute stehen, ist nach ihren Ideen verwirklicht worden, hier lebte sie
bis zu ihrem Tode. Es war Bestandteil der großen IBA, der Internationalen Bau Ausstellung, von 1987 in Berlin und wurde 1993 bezugsfertig vollendet.

Neben ihrer eigenen Architektur war die Forschung nach dem architektonischen Erbe ihrer jüdischen
Kollegen ihr unvermindertes hohes Anliegen.
Trotz fehlender hinreichender finanzieller Hilfe für ihre Forschung machte ihre Arbeit gute Fortschritte
und hatte zum Ergebnis zahlreiche Ausstellungen und Vorträge. Eine dieser Ausstellungen, einer
Wanderausstellung zum Thema „Architektur in Palästina 1918-1948, Deutschsprachige jüdische Architekten beim Aufbau Eretz Israel“ wurde vom November 2010 bis Januar 2011 im Erich Maria Remarque-Friedenszentrum in Osnabrück gezeigt und wird im Herbst 2012 in Celle mit dem Stadtarchiv erneut öffentliches Interesse finden.

Myra Warhaftig gründete hier in Berlin die „Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens
deutschsprachiger jüdischer Architekten“. Im Rahmen ihrer dortigen Tätigkeit veranstaltete sie unter
anderem Führungen zu den erhaltenen Bauwerken der jüdischen Architekten in Berlin.
Ihr Buch „Sie legten den Grundstein“ wurde vom Deutschen ins Englische übersetzt. Die Familien
Wertheimer, Hecht, Federman und Strauß aus Israel leisteten zur Herausgabe des Buches in
dankenswerter Weise bedeutende finanzielle Hilfe.
Die renommierte Designagentur Pentagram in Berlin entwarf ein Booklet mit einer repräsentativen
Auswahl aus dem Lexikon, das u.a. in den USA großes Interesse und vielseitige Beachtung fand.

Mit dem Nachlass meiner Mutter befindet sich eine große Sammlung von Material, mit historischen
Dokumenten, Schriftstücken und eine eindrucksvolle Fachbuchsammlung in unseren Händen. Ein
großer Teil davon befindet sich vorläufig in der Obhut der MBN Bau AG in Georgsmarienhütte, in
deren Archiv. Für die Hilfe und Unterstützung der Firma MBN bedanken wir uns sehr herzlich. Wir würden uns freuen, wenn wir weitere Freunde und Förderer finden könnten, den Nachlass von Myra
Warhaftig aufzuarbeiten und für die interessierte Nachwelt aufzuschließen und zugänglich zu machen.

Lassen Sie mich nun zwei kurze Auszüge aus verschiedenen Presseartikeln zum Thema dieses Bauprojektes, vor dem wir heute stehen, zitieren, welche in den Jahren der Verwirklichung veröffentlicht wurden:
Ich zitiere aus: Internationale Bauausstellung Berlin 1987 von Myra Warhaftig:

„Schon längst haben die Wohnerfahrungen gezeigt, daß die Anzahl der Räume, ihre Größe und ihre
Zuordnung zueinander das Wohnverhalten begünstigen oder behindern können. So hängt es also von
der räumlichen Ordnung der Wohnung ab, wie sich Berufstätigkeit, Kinderbetreuung und Hausarbeit
miteinander vereinbaren lassen. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, habe ich zunächst einen
Idealentwurf entwickelt. Auf einer Rasterkonstruktion beruhend und nach dem Gemeinschaftsbereich
und Individualbereich gegliedert, ist der Entwurf von zwei wesentlichen Merkmalen gekennzeichnet:
Unabhängig von Geschlecht und Alter gibt es für jedes einzelne Mitglied der Familie einen
individuellen Raum.
Für gemeinschaftliche Tätigkeiten ist ein Gemeinschaftsbereich vorhanden.
Die Grundrisse des Kreuzberger Wohnhauses sind das Ergebnis einer Annäherung zwischen
Idealentwurf und den Richtlinien für den öffentlichen Sozialen Wohnungsbau in Berlin. Das L-förmige
Gebäude umfaßt auf vier Stockwerken drei Treppenhäuser mit je zwei Wohnungen von zwei bis fünf
Zimmern. Alle 24 Wohnungen sind mit einer „Wohnküche“ ausgestattet, deren Fläche die des
Wohnzimmers übersteigt.
Die „Wohnküche“ umfasst zugleich den Eingang, den Essplatz und den Kochplatz sowie die Zugänge
zu den einzelnen Räumen, den Naßzellen und Loggien oder Wintergärten. Während die Kleinkinder
spielen oder die etwas größeren Kinder ihre Schularbeiten machen, kann in der „Wohnraumküche“ zur
gleichen Zeit die Hausarbeit erledigt werden. Es gibt also ständig einen visuellen und akustischen
Kontakt zu den Kindern, der sich für deren seelische Entwicklung als unerlässlich erwiesen hat.
Darüber hinaus kann die „Wohnraumküche“ in idealer Weise die Funktion des „Wohnzimmers“
erfüllen, und so können Gäste bewirtet werden, ohne daß das kommunikative Geschehen mehrere
Male unterbrochen werden muss.“
Zitatende.

Ich zitiere aus: „Menschlich gesehen“ – Berliner Morgenpost 21.8.1993:
„Ich frage mich oft, warum viele Architekten bei ihren Entwürfen eher an das Baumaterial denken als
an die Menschen, die später mal in den Wohnungen leben sollen.“ Sehr lebhaft wird Dr. Myra
Warhaftig, Architektin, wenn von ihrer Domäne die Rede ist: Wohnungen – und wie man sie familienund
frauengerecht gestaltet.

Die aus Israel stammende Berlinerin, die in Haifa studiert und an der TU promoviert hat, plädiert
leidenschaftlich für überschaubare Wohn-Oasen voll Helligkeit und Wärme. Vor kurzem wurde ein von
ihr gestalteter Komplex mit Sozialwohnungen in der Nähe der Stresemannstrasse (Kreuzberg)
bezugsfertig. Und wie um zu beweisen, daß sie ihre Wohnphilosophie auch gern in die Praxis
umsetzt, bezog sie selbst mit der jüngeren ihrer beiden Töchter eine der Wohnungen.
Thema von Warhaftigs Promotion: „Die Behinderung der Emanzipation der Frau durch die Wohnung“.
„Ich spreche aus eigener Erfahrung als alleinerziehende Mutter“, sagt Myra Warhaftig. „In der Küche
stehen und gleichzeitig die Kinder betreuen? In „normalen“ Wohnungen ist das unmöglich.“ In den
Warhaftig-Wohnungen dagegen bildet eine große Wohnküche den lichtdurchfluteten Mittelpunkt.“
Soweit aus den Artikeln.

Und so war es dann auch: Zwar habe ich damals keine Schularbeiten in der Wohnküche angefertigt, ich war schon zu groß dafür, aber wir verbrachten dort die meiste Zeit. Später kamen dann die Enkelkinder hinzu. Anfangs haben sie auf dem Boden gespielt, während gekocht und geplaudert wurde. Dann haben wir Gesellschaftsspiele gespielt, wobei man sogar zur gleichen Zeit das Essen bereiten konnte.

Zum Abschluß möchte ich gerne noch ein kurzes Schreiben von Frau Evelyn Kallmann, einer
langjährigen Freundin meiner Schwester Tomari, vorlesen:
Episode aus einer Kreuzberger Wohnküche
Myra war vorausschauend!
Sie erzählte mir in der Dessauer Str. schon vor vielen Jahren, noch bevor irgendjemand sich das
vorstellen konnte, daß der Potsdamer Platz der Berliner Mittelpunkt sowie weltweite
Touristenattraktion werden würde.
Hier hatte ich die Ehre gehabt, Myra als Privatmensch kennenzulernen.
Mit ihr konnte ich als Laie keine Fachgespräche über Architektur führen.
Trotzdem gewährte sie mir Einsicht in ihren Lebensinhalt:
– die Architekturgeschichte und das familien- und frauengerechte Wohnen –
„Was unterscheidet Deinen Entwurf dieser neuen Sozialwohnung von anderen?“ fragte ich Myra.
„In meiner Küche wird gelebt, gekocht und auf dem Balkon mit Aussicht geschaut, das ist eine gelebte Wohnküche.“
„Myra, wie bist Du darauf gekommen?“
„Die vielen Stehcafes namens Tchibo ohne Stühle und Toiletten sind mir als Erstes negativ in Deutschland bei meiner Ankunft aufgefallen. Wie furchtbar!“
„Was ist Dir sonst noch in Berlin aufgefallen?“
Meine Neugierde war geweckt worden.
„Das riesige Kulturangebot!“ Dabei strahlte sie über das ganze Gesicht.
So saßen wir plaudernd in ihrer stolzen Wohnküche. Hier erfuhr ich auch, daß Myra eine Vorliebe für
englischen Tee, Kekse, Nüsse sowie Instantsuppen (aus der Tüte) hegte.
Auf Journalisten und Verleger ließ sie kein gutes Haar kommen. Diese waren ihr ein Greuel. Damit sie
sich nicht so intensiv über die soeben Genannten aufregte, fragte ich sie nach den Familienfotos an den Wänden.
Sofort hellte sich ihr Wesen auf und in Erinnerung versunken erzählte sie kleine Anekdoten zu jedem Foto.
Myras riesiger Bücherbesitz imponierte mir immer wieder aufs Neue.
Nachdem wir mehrere Male über ihre mühseligen Nachforschungen der jüdischen Architekten sprachen, überreichte sie mir eines Tages in der Wohnküche ein Exemplar ihres Architektenlexikons.
Ganz ergriffen von soviel Ehre bat ich Myra, sie möge doch ihr Buch signieren. Dabei entstand folgender Wortlaut:
„Was soll ich schreiben?“ fragte Myra entsetzt über mein Anliegen.
„Das, was Dir als Erstes in den Sinn kommt.“ schlug ich vor. „Das ist nicht viel.“
Dabei schaute sie gedankenvoll auf ihre Wohnküche-Balkonaussicht.
Heute steht auf meinem bescheiden Bücherregal in Berlin Kreuzberg Myras Buch mit dem Satz: For
Evelyn – I am glad to give you this book. Myra (The mother of Tomari). Das in Klammern
Geschriebene erklärte sie mir als Rache für die nervigen Erklärungen am Telefon: „Hier ist Evelyn,
Tomaris Freundin vom Flughafen.“
Lachend erklärte mir Myra, sie sei doch nicht blöd sich Namen zu merken…
Diese Zusammenkünfte mit Tomari’s Mutter waren jedes Mal eine Bereicherung für mich. Gerne denke ich daran zurück!
Evelyn, Berlin, 01.Juli 2010

Diese Gelegenheit möchten Tomari und ich nutzen um uns auch bei Evelyn Kallmann zu bedanken,
die vor etwa einem Jahr die Idee einer Gedenktafel für unsere Mutter in die Welt gesetzt hat.
Ich bedanke mich nochmals bei Ihnen allen auch namens unserer Familie sehr herzlich.
Dankeschön!