Besichtigung Haus Dr. Rabe in Zwenkau; 2016
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Besuch von Mitgliedern der GjA im Haus Dr. Rabe
Architekt: Adolf Rading/Bildender Künstler: Oskar Schlemmer,
Zwenkau, Ebertstr. 26 am 28.2.2016
Führung: Herr Schmitter
Sonntag, 28. Februar 2016
Bericht von Günter Schlusche
Teilnehmer: Markus und Doris Hawlik, Marie-Josée Seipelt, Paul Dluzniewski, sowie Frau Schmitter und Herr Schmitter
Der Besuch fand auf Initiative von Markus Hawlik statt, der von dem Haus schon länger wusste und im Januar 2016 den Kontakt zu dem Eigentümer Horst Schmitter und dessen Frau hergestellt hatte.
Bei der Begrüßung der Gruppe durch die Eigentümer erläuterte Herr Schmitter die Grundkonzeption des annähernd quadratischen Hauses als Wohn- und Praxishaus für den ursprünglichen Eigentümer Dr. Rabe und dessen Frau, die im Parterre dieses Hauses seit dessen Fertigstellung 1930 eine später von der Tochter Dr. Gabriele Schwarzer bis 1994 fortgeführte Arztpraxis unterhielten. Herr Schmitter wies darauf hin, dass das Haus mitsamt des Orts Zwenkau zu DDR-Zeiten zugunsten des benachbarten Braunkohletagebaus abgerissen werden sollte.
Anschließend führte das Ehepaar Schmitter die Gruppe durch das gesamte Haus und gab einen höchst informativen Bericht über dessen Merkmale sowie über die von ihm nach dem Erwerb 1994 durchgeführte originalgetreue Wiederherstellung, bei der die zahlreichen, noch vorhandenen originalen Einbauten und Materialien weitgehend berücksichtigt und einbezogen wurden (s. auch Werner Durth, Rading trifft Schlemmer Bau Haus Kunst, Köln/Hamburg 2014). Im EG des Hauses befand sich der Praxisraum, ein Wartezimmer sowie ein Nebenraum. Diese Räume wurden bei der Modernisierung unter Berücksichtigung der originalen Substanz zu einer Einliegerwohnung umgebaut (Wartezimmer > Küche bei Erhalt der hölzernen Sitzbank, Praxisraum > Wohn- und Arbeitsraum jetzt mit Schreibtisch von Stefan Wewerka, Gäste-WC mit originalem Tastenwasserhahn, Nebenraum > Schlafzimmer, Treppenhaus mit originalem Elektro-Verteilerschrank mit Marmortableau hinter Glas). Das Treppenhaus besticht durch das original erhaltene Treppengeländer mit seinem hölzernen Handlauf und v.a. durch die farbige Bemalung der Treppenhauswände durch Oskar Schlemmer.
Besonders beeindruckend war die Besichtigung des Wohngeschosses im 1.OG mit der Küche (mit originalem Terrazzobelag, Einbauwand mit Durchreiche zum Wohnzimmer und mit zweiseitig zu öffnenden Schubladen) und mit der großartigen zweigeschossigen Wohnhalle. Die dreiteilige Drahtplastik („Metallkomposition“) von Oskar Schlemmer an deren Westwand zeigt eine große „Homo“-Figur, die aus Kupfer, Messing, Nickel und Silber besteht (Mann mit Kind), ein Gesichtsskulptur aus Kupferband (Mutter) und ein kleines Kreuz mit konzentrischen Kreisen (Ratio). Alle drei Teile sind im Abstand von ca. 8 cm auf der verputzten und hellgestrichenen Wand montiert, so daß sich durch den Lichteinfall von Süden ein lebhaftes Schattenspiel ergibt. Ebenso lebendig sind der Linoleum-Fußboden und die Wände gestaltet, deren Farbbemalung sowohl von Schlemmer wie auch von Rading stammt. In diesem Geschoß – wie im ganzen Haus – ist die von Rading und Schlemmer (beide sind 1888 geboren und lehrten zeitweise gleichzeitig an der Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe in Breslau) angestrebte Einheit von Kunst, Malerei und Skulptur bis heute in einzigartiger Weise erhalten und erlebbar. Ebenso erhalten sind die Möbel (kreisrunder Ausziehtisch mit Ying-Yang-Intarsie und mit Korb-/ Metallstühlen, große Tischlampe sowie mehrere Wand- und Deckenleuchten aus Metall). Zum 1.OG gehören ebenfalls noch drei Nebenräume, nämlich ein Arbeits-, ein Kinder- und ein Kaminzimmer, in denen sich ebenfalls originale Schrankeinbauten befinden, die sorgfältig restauriert wurden.
Im 2.OG befinden sich ein Gästezimmer, ein Kinderzimmer sowie ein Schlafzimmer, die ebenfalls unter weitgehender Einbeziehung der Einbauschränke, des Doppelbetts und weiterer originaler Details und bei Wiederherstellung der originalen Farbfassung von Wänden und Fußböden restauriert wurden. Im Bad wurde die Badewanne durch eine Dusche ersetzt, der Terrazzo-Belag blieb wie im 1.OG und im EG erhalten. Im Boden des Einbauschranks wurde ein Notfach mit Vorräten, Ansichtskarten und Kriegsbevorratung hinter Glas erhalten.
Horst Schmitter berichtete, daß er das Haus schon vor dem Erwerb 1994 kannte und sich zuerst gegen den Erwerb entschieden hatte, dann aber seine Entscheidung änderte. Er berichtete von den Bemühungen von Frau Schwarzer aus der DDR-Zeit zur Sicherung der Bausubstanz sowie von seinen Aktivitäten, den Wert und einzigartigen Charakter des Hauses als „weltweit einzigartiges Gesamtkunstwerk“ und als „herausragendes Erbe der Moderne aus der Weimarer Republik“ (Werner Durth) zu bewahren.
Nachdem wir von den Zielen und den Aktivitäten unserer Gesellschaft berichteten, zeigte sich Horst Schmitter davon sehr angetan. Abschließend schlug er vor, dass die GjA in der Akademie der Künste eine Veranstaltung zur Vorstellung dieses Hauses unter Mitwirkung von Werner Durth und Wulf Herzogenrath initiieren möge und bot seine Mitwirkung u.a. durch Ansprache von Werner Durth an.
Literatur:
Werner Durth, Rading trifft Schlemmer Bau Haus Kunst, Köln/Hamburg 2014
Walter Prigge, Die Abstraktion befreit vom Lebenschaos, in: Bauhaus Nr. 6, Januar 2014, Dessau
Peter Pfankuch (Hg.), Adolf Rading – Bauten Entwürfe Erläuterungen, Akademie der Künste Band 3, Berlin 1970