Berliner Themenjahr 2013

Einladung zur Pressekonferenz anlässlich der Eröffnung der Open-Air-Ausstellung „Vergessene Jüdische Architekten“ im Rahmen des Themenjahres „Zerstörte Vielfalt Berlin 1933-1938-1945“
24. Mai bis 30. November 2013 im Berliner Stadtgebiet
Ort: Deutscher Städtetag Hausvogteiplatz 1 10117 Berlin-Mitte Konferenzraum III
Termin: Freitag, 24.5.2013 11 Uhr
Zur Eröffnung sprechen:
Dr. Günter Schlusche, Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten
Herr Kühnelt, Kulturprojekte Berlin GmbH
Prof. Dr. Jörg Haspel, Landeskonservator, Landesdenkmalamt Berlin
Justus Oehler, Pentagram Design Ltd. Berlin London
Dr. Peter Krug, Vorstandsvorsitzender MBN Bau AG, Georgsmarienhütte/Berlin
Die Open-Air-Ausstellung findet an 26 Standorten von Bauten jüdischer Architekten großenteils in der Berliner Innenstadt statt. Vor diesen 26 Bauten wurden zweisprachige Informationstafeln im öffentlichen Straßenland aufgestellt, auf denen über den jeweiligen Bau, v. a. aber über die jeweiligen Architekten, ihre Biographien und ihr Lebenswerk informiert wird.
Die Ausstellung ist in 3 thematische Rundgänge gegliedert:
I. Bauten der Großstadt
II. Siedlungen und Wohnanlagen
III. Villen und Landhäuser
Die Rundgänge sind auch als App für das mobile Internet (Smartphone) nachvollziehbar.
Wir danken den Kulturprojekten für die Zuwendung zur Realisierung des Projekts sowie unseren Sponsoren, Herrn Justus Oehler von Pentagram Design Ltd. Berlin London und Herrn Dr. Peter Krug von der Fa. MBN Bau AG, ohne deren große Unterstützung das Projekt nicht durchführbar gewesen wäre.
Kontakt: www.juedische-architekten.de Dr. Günter Schlusche
Vergessene jüdische Architekten
Anfang des 20. Jahrhunderts lebten und arbeiteten über 500 jüdische Architekten in Deutschland, die meisten davon in Berlin. Sie hatten sich oft der Moderne und dem Neuen Bauen verschrieben, ihre Gebäude waren mutige Beispiele dieser neuen Bauaufgaben und ihrer Ästhetik. Ab dem 1. November 1933 wurde mit Inkrafttreten des Reichskulturkammer-Gesetzes allen jüdischen Architekten Berufsverbot erteilt. Viele von ihnen, die nicht auswandern oder fliehen konnten, wurden Opfer des Holocaust. Trotz ihrer großen Bedeutung für die deutsche Architektur und für die Entwicklung Berlins ist ein Großteil dieser Architekten in Vergessenheit geraten.
Unser Projekt: Vergessene Architekten – Bauten und Biographien jüdischer Architekten in Berlin
2013 wird die Machtübernahme der Nationalsozialisten 80 Jahre her sein, und die Novemberpogrome jähren sich zum 75. Mal. Dann soll in einer die ganze Stadt umfassenden Ausstellung gezeigt werden, wie in der bis 1933 pluralistisch lebendigen Weltstadt Berlin die Vielfalt des städtischen Lebens durch die nationalsozialistische Diktatur zersetzt wurde bis zur Zerstörung dieser Vielfalt, als jüdische Bewohner verfolgt, ausgeschlossen, deportiert und ermordet wurden.
In der von vielen Institutionen getragenen Ausstellung soll an diese zerstörte Vielfalt erinnert werden, indem konkret das Wirken und das Schicksal derjenigen hervorgehoben wird, die unter der Zerstörung zu leiden hatten.
Unsere Gesellschaft ist mit dem Projekt „Vergessene Architekten – Bauten und Biographien jüdischer Architekten in Berlin“ beteiligt, das dem Schaffen jüdischer Architekten in der progressiven Verbindung zur zeitgenössischen Baukultur, dem Gedenken an den unermeßlichen Verlust durch ihre Eliminierung und dem Einsatz für die kulturelle Restitution der jüdischen Architekten und ihres Erbes gewidmet ist.
Mehr als 450 jüdischen Architekten wurde 1933 durch die Nationalsozialisten der Beruf verboten. Sie waren gezwungen, Deutschland zu verlassen. Diejenigen, die blieben, wurden in Konzentrationslager verschleppt und kamen dort ums Leben. Die Erinnerung an ihre Namen und ihr Werk wurde oftmals vollständig ausgelöscht. Die Bauten dieser Architekten, die oft Vertreter der Moderne waren und sich den neuen Bauaufgaben der Weimarer Republik widmeten, aber sind noch da und prägen bis heute das Stadtbild Berlins und die kulturelle Identität – auch in anderen Städten Deutschlands. Dazu gehören Kultur-, Geschäfts-, Kino- und Theaterbauten, innovative Großwohnungsbauten der 20er Jahre, aber auch viele bemerkenswerte Villen und Landhäuser.
Die Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten präsentiert aus Anlaß des Themenjahrs „2013 – Zerstörte Vielfalt“ eine Auswahl von ca. 30 oft auch bekannten Bauten jüdischer Architekten in Form thematischer Stadtrundgänge. Jeder ausgewählte Bau ist durch ein deutlich erkennbares Stadtzeichen im Stadtraum markiert, an dem über das Haus, seine Entstehung und Nutzung sowie über den Architekten informiert wird. Die Routen sind außerdem durch eine Anwendung im mobilen Internet sowie mit einem Faltblatt nachvollziehbar.
Damit soll auf die vergessenen Biographien der jüdischen Architekten hingewiesen werden, die durch die nationalsozialistischen Verfolgungsmaßnahmen aus ihren Bahnen geworfen wurden. Die biographischen Forschungen zu diesen Architekten weisen oft über Deutschland hinaus und sind intensiv mit Ländern wie Israel, den USA, aber auch vielen europäischen Ländern verwoben. Daher sind diese Rundgänge nun ein Beitrag zur Wiederherstellung und Intensivierung des europäischen Kulturerbes und zur Bewahrung des historischen Gedächtnisses der Stadt.
Einige Bauten jüdischer Architekten sind in oder nach der Zeit des Nationalsozialismus verändert oder umgebaut worden. Manchmal wissen die heutigen Eigentümer oder die Bewohner gar nichts über die Entstehung oder den Architekten ihrer Häuser. Mit den Rundgängen und Stationen läßt sich auch die kulturelle Vielfalt dieser Stadt wiederentdecken.
Zum Erkunden der Ausstellung schlagen wir drei Rundgänge vor.
Rundgang I – Bauten der Großstadt
Die Bauten der Großstadt befinden sich vor allem in der Mitte Berlins. Hier entstanden in den zwanziger Jahren – begünstigt durch die sozialpolitischen Ziele der Weimarer Republik – zahlreiche neue Bürogebäude für Gewerkschaften, Verbände und Versicherungen.
Auch Theater, Kinos, Kaufhäuser oder Park-Garagen gehörten zu wichtigen Bauaufgaben in einer pulsierenden Großstadt.
Erste Station dieser Tour ist das ehemalige Kreditwarenhaus Jonass & Co von Gustav Bauer und Siegfried Friedländer (I.1). Das geschichtsträchtige Haus mit seiner Pfeilergliederung und der geschwungenen Fassade bestimmt noch heute die Torstraße. In unmittelbarer Nachbarschaft errichtete der renommierte
Theaterarchitekt Oskar Kaufmann (I.2) die Volksbühne.
Alexander Beer (I.3), Leiter des Bauamtes der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, entwarf in der Auguststraße die Jüdische Mädchenschule, ein Backsteinbau im Stil der Neuen Sachlichkeit.
Die nächsten Stationen zeigen Geschäftshäuser von Theodor Jaretzki (I.4), Paul Zucker (I.5) Walter Growald und Wilhelm Caspari(I.6) sowie Fritz Crzellitzer (I.7.). Sie sind Beispiele für die gestalterische Vielfalt bei der Lösung dieser Bauaufgabe. Für die Allgemeine Ortskrankenkasse plante Albert Gottheiner (I.8.) einen modernen Verwaltungsbau mit einer expressionistischen Ziegelfassade. Das Haus des Deutschen Metallarbeiterverbandes von Erich Mendelsohn (I.9.) ist eine der eindrucksvollsten Arbeiten des Architekten in Berlin.
Zwei weitere typische Bauten der Großstadt sind der Roxy-Palast von Martin Punitzer (I.10) in Schöneberg – ein ehemaliges Kino mit Kaufhaus und Büroetagen – und die Kant-Garagen in Charlottenburg, für deren Ausführung Hermann Zweigenthal (I.11) hauptverantwortlich war.
Rundgang II – Siedlungen und Wohnanlagen
Tour II stellt Siedlungen und Wohnanlagen vor, die sich vor allem in Berliner Stadtrandlagen befinden. Dies entsprach den Forderungen der Reformbauordnung der Weimarer Republik von 1925, die locker angelegte Siedlungen ohne Seitenflügel und eine Funktionsteilung der Stadtgebiete vorsah.
Die erste Station ist die Gartenstadt Atlantic von Rudolf Fränkel (II.1) in Wedding. Sie wurde seinerzeit durch das Großkino Lichtburg bekannt. Die „Weiße Stadt“ liegt in Reinickendorf und gehört zu den sechs Berliner Siedlungen, die auf der UNESCO-Welterbeliste stehen. Bruno Ahrends (II.2) war einer der drei ausführenden Architekten dieser Siedlung, die durch ihre offene Bebauung und die weißen Fassaden zum Inbegriff des modernen Siedlungsbaus wurde. Alfred Wiener und Hans Siegmund Jaretzki (II.3) entwarfen in Pankow zwei Wohnhausblöcke an der Florastraße und Erwin Gutkind (II.4) plante in Lichtenberg die Wohnanlage„Sonnenhof“. Diese spiegelte durch ihren großzügigen begrünten Innenhof und die Kindertagesstätte die sozialreformerischen Ansprüche der Weimarer Republik wider.
Zwei weitere Wohnanlagen befinden sich im Südwesten Berlins, in Schmargendorf: Hier bauten Alexander Beer (II.5) für die Jüdische Gemeinde ein modernes Altersheim und Harry Rosenthal (II.6) das viergeschossige Haus „Salzbrunn“ mit großbürgerlichen Wohnungen mit je fünf bis sieben Zimmern.
Die Beispiele geben einen Überblick über den Reformwohnungsbau der zwanziger Jahre und zeigen, wie auch jüdische Architekten den modernen Wohnbau prägten.
Rundgang III – Villen und Landhäuser
Die Tour III Villen und Landhäuser führt in den Südwesten Berlins. Im Zuge der Westwanderung entstanden hier seit Ende des 19. Jahrhunderts zahlreiche neue Villenviertel für das gehobene, oft auch jüdische Bürgertum. Viele der Häuser wurden von namhaften Architekten in unterschiedlichen Stilen errichtet.
Die Rundtour beginnt in Wilmersdorf mit der Villa Bab von Harry Rosenthal (III.1). Dieser entwarf für den Bankier Bab eine expressive Villa, die besonders durch ihren gezackten Dachabschluss mit den üblichen Konventionen brach.
Die zweite Station führt zu einem Doppelwohnhaus von Rudolf Fränkel (III.2) in Schmargendorf. In der Villenkolonie Grunewald, einem seit 1889 von der Kurfürstendamm Gesellschaft angelegten stadtnahen Wohngebiet, entwarf Adolf Wollenberg (III.3) für den Großkauf mann Carl Harteneck eine repräsentative Villa mit parkartigem Garten. In unmittelbarer Nachbarschaft entstanden die Villa Epstein von Oskar Kaufmann (III.4) und das Haus Zissu von Michael Rachlis (III.5). In Dahlem schließt sich das ehemalige
Wohnhaus des Architekten Bruno Ahrends (III.6) an, ein Backsteinbau in norddeutscher Bautradition. Ganz dem Modernen Bauen verpflichtet sind hingegen die Reihenhäuser an der Schorlemerallee von Hans und Wassilli Luckhardt und Alfons Anker (III.7). Eines der wenigen Kupferhäuser, die Ende der zwanziger Jahre von der Hirsch Kupfer- und Messing AG (III.8) produziert wurden, steht ebenfalls in der Schorlemerallee. Die letzte Station führt nach Westend, zum Doppelhaus am Karolingerplatz von Erich Mendelsohn (III.9).
Vergessene jüdische Architekten – Führung: Bauten der Großstadt (Ehemaliges Kaufhaus
Jonass)
Sonntag, 30. Juni 2013, 14:00 Uhr bis 16:00 Uhr
Sonntag, 25. August 2013, 14:00 Uhr bis 16:00 Uhr
Sonntag, 27. Oktober 2013, 14:00 Uhr bis 17:30 Uhr
Im Rahmen der Open-Air-Ausstellung zu Bauten vergessener jüdischer Architekten werden in der Führung
verschiedene „Bauten der Großstadt“ und ihre Architekten vorgestellt. Dazu zählen moderne Geschäftshäuser, Verwaltungsbauten, Theater, Kinos und Schulen. Neben dem ehemaligen Kaufhaus Jonass (heute Soho House Berlin) von G. Bauer und S. Friedländer werden auch die Volksbühne von Oskar Kaufmann und die ehemalige jüdische Mädchenschule von Alexander Beer gezeigt. Der Rundgang findet vor allem in Mitte (teilweise mit der U-Bahn) statt.
Treffpunkt: Ehemaliges Kaufhaus Jonass, Torstraße 1, Ecke Prenzlauer Allee, 10119 Berlin
Kontakt: Claudia Marcy, Tel: 030-791 61 74
Eintritt Erwachsene 8,00 €
Ermäßigter Eintritt 5,00 €
Vergessene jüdische Architekten – Radtour: Villen und Landhäuser (Ehemaliges HausBab)
Sonntag, 28. Juli 2013, 14:00 Uhr bis 16:00 Uhr
Samstag, 16. November 2013, 14:00 bis 16:00 Uhr
Vor allem im Südwesten Berlins entstanden in den zehner und zwanziger Jahren zahlreiche Villen- und
Landhausbauten. Dabei ließen sich viele jüdische Auftraggeber ihre Wohnbauten von jüdischen Architekten entwerfen. Auf der Fahrradtour werden verschiedene Landhäuser und ihre Architekten vorgestellt. Die Spannbreite reicht von der repräsentativen Unternehmervilla mit Parkanlage von Adolf Wollenberg bis zum sachlich modernen Doppelwohnhaus von Rudolf Fränkel.
Treffpunkt: ehemaliges Haus Bab, Ruhrstraße 12 A, Ecke Konstanzer Straße, 10709 Berlin
Kontakt: Günter Schlusche, Tel: 030-771 97 59
Eintritt Erwachsene 8,00 €
Ermäßigter Eintritt 5,00 €
Zerstörte Vielfalt – Vorträge im Deutschen Historischen Museum
Mittwoch, 11. September 2013, 18:00 Uhr
Dr. Günter Schlusche: Vergessene jüdische Architekten
Claudia Marcy: Martin Punitzer – ein vergessener jüdischer Architekt
Begleitprogramm zur Ausstellung Zerstörte Vielfalt im Deutschen Historischen Museum, Unter den Linden 2, Auditorium