Führungen 2009

Architekturführungen 2009 In Kooperation mit den Jüdischen Kulturtagen bieten wir vom 30. August bis 6. September 2009 drei Architekturführungen zu Bauten jüdischer Architekten in Berlin an:
Sonntag, 30. August um 15:00 Uhr Bauten der Großstadt
Führung: Dr. Ulrike Offenberg, Historikerin und Markus Hawlik, Fotograf
Treffpunkt: vor dem Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30

Samstag, 5. September um 15:00 Uhr Siedlungen und Volksparks der Berliner Moderne Führung: Claudia Marcy, Kunsthistorikerin
Treffpunkt: vor dem Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30 Sonntag,

6. September um 15:00 Uhr Villen und Landhäuser im Südwesten
Führung: Dr. Günter Schlusche, Architekt und Stadtplaner
Treffpunkt: vor dem Centrum Judaicum, Oranienburger Straße 28-30

Ihre Bauten prägen das Berliner Stadtbild, doch sind ihre Namen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, noch wenig bekannt. Mehr als 300 jüdische Architekten gab es bis zum Berufsverbot der Nazis 1933 in Berlin, von denen es vielen gelang zu emigrieren. Aber viele wurden in Konzentrationslagern ermordet. Als überzeugte Vertreter der Moderne hatten sie im Stil der Neuen Sachlichkeit und des Bauhauses gebaut. Die vielfältigen Zeugnisse dieser Baukunst zu entdecken und zugleich die Lebensgeschichten der jüdischen Architekten kennen zu lernen, dazu laden die speziell für die Jüdischen Kulturtage zusammengestellten Stadtführungen ein.
Preis: 10 Euro / 8 Euro ermäßigt. Die Teilnehmerzahl ist begrenzt.
Zentrale Tickethotline: 01805.570000
Tickets erhalten Sie bei den bekannten Vorverkaufsstellen sowie in der Literaturhandlung, Joachimstaler Str. 13. Online-Bestellung bei Jüdische Kulturtage oder eventim .

Kurzbericht von Günter Schlusche zur 3. Architekturführung der Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten im Rahmen der Jüdischen Kulturtage am Sonntag, den 6.9.2009 Thema: Villen und Landhäuser im Südwesten – 90 Jahre Bauhaus
Rundfahrt bei bestem Wetter mit dem von den Organisatoren gestellten Bus
Ca. 50 Teilnehmer ((alle Plätze ausgebucht), Kosten pro Teilnehmer: 10 € (an die Organisatoren) Dauer 3 ½ Stunden
Nach der Abfahrt vom Centrum Judaicum im Bus:
Persönliche Vorstellung
Überblick zur Route und zur Dauer

Jüdische Architekten vor und nach 1933
Vor 1933 ca. 450 jüdische Architekten in Deutschland, davon ca. 165 mit eigenen Büros (100 davon in Berlin) Nach 1933 wurden alle mit Berufsverbot belegt, (keine Aufnahme in die Reichskulturkammer. s. Text in Beitrag Frank Rattay: Faksimile des Briefs der RKK an Weitzmann)
22.9.1933 Gründung der Reichskulturkammer unter Vorsitz von Joseph Goebbels mit 7 Einzelkammern, darunter der „Reichskammer für bildende Künste“ (Präsident Adolf Ziegler)
Zwangsmitgliedschaft für alle „Kulturschaffenden“ bei gleichzeitiger Auflösung der übrigen noch existierenden Berufsverbände (Deutscher Werkbund, AIV,BDA) und Kammern
GF der RKK: Hans Hinkel mit dem Sonderauftrag zur „Entjudung des deutschen Kulturlebens“
Ca. 175 jüd. Architekten gelang die Flucht, meist bis 1939, in 16 versch. Länder v.a. nach Palästina/Israel, England und in die USA (Das Beispiel Gustav Neustein, s MW, Das Lexikon, S.374) Flüchtlinge der ersten Stunde: Bruno Ahrends, Fred Forbat, Rudolf Fränkel, Alexander Klein, Erich Mendelsohn, Harry Rosenthal, Leo Adler
84 jüd. Arch. wurden deportiert und ermordet, darunter Alexander Beer (Baumeister der Jüdischen Gemeinde Berlin, Tochter Beate Hammett), Paul Salinger, Richard und Paul Ehrlich, Siegfried Bernstein, Paul Meller, Erich Gloeden (geb. Loevy)

Die Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger jüdischer Architekten
Hinweis auf Artikel in der Berliner Morgenpost, Beilage zu den Jüdischen Kulturtagen 2009, August/September 2009

Villen und Landhäuser als Bautyp des frühen 20. Jahrhunderts
Die Villa: ein klassischer Bautyp seit römischer Zeit, der zunehmend repräsentative Wohnsitz eines wohlhabenden Bürgers (Patriziers) samt Familie auf dem Land kodifiziertes Gestaltungsprogramm (symmetrische Fassade mit Porticus, Säulen, Risaliten, Erkern, Treppe zum erhöhten Erdgeschoß etc.) und Raumprogramm (Aufgangstreppe, Vestibül, Empfangsraum, Herren- und Damenzimmer, private Räume im Obergeschoß) s. Villen der Renaissance z.B. von Palladio
Die klassischen Berliner Villenvororte des Klassizismus vor den Toren der Stadt z.B. das Berliner Tiergartenviertel angelegt in der ersten Hälfte des 19.Jahrhdt, oder die Gründung der Villenkolonie Lichterfelde von Carstenn ab 1869 oder Wilhelm Conrads Colonie Alsen in Wannsee 1870
Die Villa: Ein Haus mit Sockel (für die Bediensteten) „über dem Garten“ Das Landhaus: Ein Haus mit ebenerdigem Erdgeschoss „im Garten“ (J. Posener)
Ende des 19. Jhrdts Reformbewegung in England: Ebenezer Howard „Garten cities of tomorrow“ Erste Gartenstadt: Letchworth
In Deutschland wird Hermann Muthesius “Das englische Haus” 1903 zum Initiatior und Reformator der Landhaus-Architektur
Das Landhaus im Gegensatz zur Villa „Houses are built to live in, not to look at.“
Der Berliner Südwesten (Zehlendorf mit Dahlem und Wannsee, Steglitz mit Lichterfelde und Lankwitz, Potsdam mit Babelsberg und Griebnitzsee sowie die südwestlichen Gemeinden und Dörfer) – ein bevorzugter Standort für diesen Haustyp
Die Häuser von Muthesius oder von Mies in ambitionierten Landhauskolonien wie Dahlem, Nikolaussee, Frohnau, Neu-Babelsberg
Im Gegensatz zu diesen bürgerlichen Konzepten: die Gartenstadtbewegung und die Landhaus- und Kleinhaussiedlungen, verknüpft mit dem Genossenschafts-Gedanken als bewusst anti-bürgerliche Bewegung mit dem Anspruch, auch Niedrig-Verdienern eine Existenz im Grünen, in gesunden Wohn- und Lebensverhältnissen zu ermöglichen. Das führt nach dem 1. Weltkrieg zu den großen Reformbewegungen in Wohnungs-und Städtebau der Weimarer Republik, die auch maßgeblich von jüdischen Architekten gestaltet und umgesetzt wurden.

Station 1
Der Berliner Standort des Bauhaus in der Birkbusch-/Ecke Siemensstraße 27
Die Geschichte des Bauhaus: Von Weimar (1919-1925) über Dessau ( 1925-1932) nach Berlin (1932 bis zur Schließung Mai 1933) Direktoren Walter Gropius 1919 – 1928, Hannes Meyer 1928 – 1930, Mies van der Rohe 1930 – 1933
Das Bauhaus und jüdische Architekten
Obwohl bis auf Fred Forbat und Marcel Breuer kein jüdischer Architekt zu den Leitungsfiguren des Bauhaus gehörte und nur vielleicht 10 jüdische Architekten ihre Ausbildung am Bauhaus machten (darunter Chanan Frenkel und Shlomo Bernstein aus Israel, Edgar Hecht, Philipp Tolziner, Munio Weinraub (Gitai)), hat die Mehrzahl der bis 1933 praktizierenden jüdischen Architekten sich dem Neuen Bauen und den Ideen des Bauhaus verpflichtet gefühlt
Das Bauhaus – seit den 20er Jahren eines der meistgehassten Feindbilder der NS-Kulturpolitik: Bauhäusler = „Kulturbolschewisten“ Das neue Bauen – „Produkt einer undeutschen Kultur“ und ein „orientalisch-bolschewistischer Baustil“ Attacken gegen die Weißenhof-Siedlung von 1927: „Araber-Dorf“ Herbst 1932

Wiederaufnahme der Arbeit des Bauhauses als „Freies Lehr- und Forschungsinstitut“ in einer provisorisch hergerichteten, ehemaligen Telefonfabrik an der Birkbusch-, Ecke Siemensstr. Am 11. April 1933 wurde bei einer Hausdurchsuchung angeblich „kommunistisches Material“ gefunden und das Gebäude versiegelt. 21. Juli 1933 Schreiben der Gestapo an die Bauhaus-Leitung mit gravierenden Auflagen für die Wiedereröffnung (Verbot der weiteren Tätigkeit von Ludwig Hilbersheimer und Wassily Kandinsky, Genehmigung des Lehrplans durch das Kultusministerium etc) 20.7.1933: Schließung des Bauhauses gemäß einem Schreiben von Mies van der Rohe „ wegen der durch die Stilllegung des Hauses aufgetretenen wirtschaftlichen Schwierigkeiten“

Die Bauhaus-Architekten im „Dritten Reich“
Dennoch ab 1933 viele Bauhäusler (Schüler und Leiter) an Projekten und Aufträgen der offiziellen NSPolitik beteiligt: Anfänglich auch Walter Gropius (bis zur Übersiedlung 1934 nach England und dann in die USA) und Mies van der Rohe z.B. „Ausstellung Deutsches Volk – Deutsche Arbeit“, Mies wurde Mitglied der RKK , unterzeichnete 1934 einen „Aufruf an die Kulturschaffenden zur Wahl von Hitler“, wurde bis 1836 zur Teilnahme an Wettbewerben eingeladen (z. B. Reichsbank-WB).1938 Übersiedlung in die USA
Herbert Bayer (Leiter der Werkstatt für Druck und Reklame des Bauhauses) bei vielen Plakaten , Publikationen und Ausstellungen der NS-Kulturpolitik bis 1938
Architekten wie Mies, Gropius, Breuer, Moholy-Nagy und Feininger suchten das Exil auf, nicht aus Not, sondern gezielt und bei Anknüpfung und Fortführung ihrer beruflichen Möglichkeiten. Sie waren die Ausnahme.
Die Regel waren Kompromisse, Lavieren zwischen Verweigerung und Anpassung, Selbstentfremdung und Untertauchen z. B. im Industriebau insbesondere in dem Büro von Herbert Rimpl, der sehr viel für die Reichswerke Hermann Göring baute, Ernst Sagebiel (Büroleiter bei Mendelsohn) später ein sehr wichtiger Architekt des NS Staates (Flughafen Tempelhof, Reichsluftfahrtministerium, heute Bundesfinanzministerium) Anders die jüdischen Architekten

Station 2
Fabrik und Villa Abrahamsohn in Lankwitz von Martin Punitzer (1889 Berlin – 1949 Santiago de Chile)

Fabrik für elektrotechnische Messinstrumente (Robert Abrahamsohn, 1928/29), Nicolaistr.7 (Hinweis auf die Postkarten) Von dort zu Fuß zum Wohnhaus Abrahamsohn, Calandrellistr. 45

Weitere Berliner Bauten von Martin Punitzer: Maschinenfabrik Lindner in Reinickendorf (1932, Lübarser Str), Roxy-Palast in Friedenau(1929)

Martin Punitzer geb 1889 in Berlin, Studium in Stettin und an der TU Berlin-Charlottenburg Mitarbeit im Büro des jüdischen Architekten Moritz Ernst Lesser, dann Gründung eines eigenen Büros, Mitglied des AIV 1938 Verhaftung und Deportation ins KZ Oranienburg, 1939 Flucht mit der Familie nach Chile, wo er jedoch keine Arbeitserlaubnis erhielt und 1949 starb.

Station 3
Haus Scherk in Lankwitz, Mozartstr. 10(1930-31) von Ernst Ludwig Freud
E. L. Freud 6.4.1892 geboren in Wien als 4. Kind von Sigmund und Martha Freud, lebte von 1919 bis 1933 in Berlin und emigrierte 1933 nach London, wo er Mitglied des RIBA wird. Dort weitere Wohnbauten, 1938 holt er seine Eltern aus Wien nach London nach Hampstead, wo er ihnen ein Haus kauft und es umbaut, (heute Sitz des Freud-Museums) S. Freud stirbt 1939, E L. Freud arbeitet weiter bis 1966 als Architekt, hat sich dann mit der Herausgabe der Korrespondenz seines Vaters beschäftigt, 1970 Tod in London, sein Sohn ist der bekannte Maler Lucian Freud, E.L Freud war seit seiner Kindheit ein enger Freund von Richard Neutra, ebenfalls aus Wien

Berliner Bauwerke von E.L Freud:
Doppelhaus Levy/Hofer in Dahlem, Im Dol 44/44a teilzerstört
Haus Dr. Lampl in Grunewald, Waldmeisterstr. 2, durch Umbauten stark verändert
Tabakspeicher für die Zigarettenfabrik „Problem“ in Prenzlauer Berg
Landhaus Dr. Frank in Geltow am Schwielowsee, Auf dem Franzensberg 1-3
Umbauten z.B. des Hauses Dr. Wittgensteiner in Neu-Babelsberg

Freuds Werk, eine allmähliche Entwicklung von den Wiener Traditionen (Adolf Loos, Josef Hoffmann) zum Neuen Bauen der Moderne Hinweis auf Parfümerie Scherk am Kurfürstendamm von Otto Rudolf Salvisberg

Während der Fahrt zur Station 4 im Bus: Jüdische Bauherren/Bauunternehmer:
Der Bauunternehmer Adolf Sommerfeld/ Andrew Sommerfield (1886 – 1964) und sein Baukonzern AHAG Sommerfeld:: Wohnanlage Sommerfelds Aue in der Onkel-Tom-Straße bzw. die Blockhaussiedlung im Kieferngrund 1922/23, Siedlung in Kleinmachnow (Gründung der Siedlungsgesellschaft K.) Nach 1945 Rückkehr und Fortsetzung seinr Bautätigkeit

Die Fa. Hirsch Kupfer- und Messingwerke in Eberswalde und ihr Kupferhaus – Ein Typenentwurf, entwickelt von Fryggies Forster und Kraftt („Box Frame System“) und von der Fa Hirsch gebaut in mehreren Haustypen, die von Walter Gropius überarbeitet wurden (Material, Details, Eckverbindung) Mehrere noch existierende Kupferhäuser im Südwesten: Berlin Dahlem, Schorlemer Allee (Privathaus früher im Besitz des Musikers Klaus Hoffmann, jetzt neuer Besitzer und umfängliche Restaurierung geplant) Potsdam-Marquardt, Marquardter Siedlung Nr. 1 Haustyp K (kürzlich erst wiederentdecktes Haus, gebaut für den Berliner Polstermacher Richard Muth) Weitere Kupferhäuser in Frohnau, Köpenick, in Eberswalde und in Zeuthen, außerdem in Israel (Haifa)

Station 4 Haus Bejach in Steinstücken, Bernhard-Beyer-Str. von Erich Mendelsohn
Busausstieg: B.-Beyer-Str Busparken: Steinstraße

Der Arzt Dr. Curt Bejach und die Gesundheitspolitik in der Weimarer Zeit (Martin Düspohl, Kleine Kreuzberg-Geschichte, Berlin 2009)
Das Landhaus Bejach – Führung durch den Architekten und Eigentümer Helge Pitz Erich Mendelsohn – einer der bekanntesten Architekten des Neuen Bauens und des Expressionismus weltweit, viele Ausstellungen und Publikationen, die letzte 2004 in der AdK (1887 geboren in Allenstein – gestorben 1953 in San Francisco)

Die Erich-Mendelsohn-Stiftung am Vormittag des 6.9.09 im Haus Bejach gegründet
Weitere Bauten von Erich Mendelsohn: Einstein-Turm in Potsdam, Columbus-Haus am Potsdamer Platz, IG Metall-Haus in Berlin-Kreuzberg

Weitere Bauten von Breslauer und Salinger Paul und Elisabeth Salinger, geb. Breslauer die beide lebten in Potsdam, Jägerallee 25, umgekommen Ende 1942 in Theresienstadt (Stolperstein) Weitere Bauten jüdischer Architekten in Potsdam- Babelsberg und Griebnitzsee

Die folgenden Stationen 5 und 6 konnten auf der Busrundfahrt am 6.9.09 aus Zeitnot nicht mehr angefahren werden.

Station 5 Die Häuser von Fritz Crzellitzer (1876 Berlin bis 1942 in Tel Aviv) in Zehlendorf, Stubenrauchstr. 9 (1906-7), 7 (1906-7) und 12 (1928)
Anfahrt: Potsdamer Chaussee (B 1) nach Zehlendorf-Mitte, rechts ab in die Seehofstr, dann rechts und gleich wieder links in die Stubenrauchstr,
Bushalt in der Stubenrauchstr
Nr. 7: etwas kleineres Haus, guter Zustand, für die eigene Familie
Nr. 9: größeres Haus, guter Zustand, mit echtem Sockel wie Nr. 7 1907 für die Mutter von F.C. als Landhäuser im Muthesius-Stil erbaut
Nr.12, 1928 ebenfalls für die Familie erneut gebaut, aber mit Ziegelfassade als Haus der Moderne mit liegenden Fensterformaten und horizontaler Sprossenteilung F.C. , auch Architekt des Hauses für die Familie der Eltern von Julius Posener (1907 in Lichterfelde, Baseler Str. 79) und des 2.Hauses der Poseners in Dahlem (s. Autobiographie J.P: Fast so alt wie das Jahrhundert,)
Architekt des Hauses Wallstr., Berlin-Mitte heute Australische Botschaft
Nach der Emigration 1934 nach Tel Aviv, nebenbei Tätigkeit als Komponist

Station 6 Landhaus Frank in Geltow bei Potsdam (1928-1930), Auf dem Franzensberg 1-3, von Ernst Ludwig Freud
Anfahrt: B 1, von Berlin-Zehlendorf 23 km (ca ½ Std) durch Potsdam nach Geltow, dann links und rechts in die Straße Auf dem Franzensberg
Busstop: Ende der Straße, Buskehre in Stichstraße
Eigentümer laut Schild: Raubold

Neu renoviertes Haus, mehrfach gegliederter kubischer Baukörper in Sichtmauerwerk aus hellrotem Ziegel und mit blau-grauen Fenstern auf sehr großem Hanggrundstück mit großartigem Blick auf den Schwielowsee, Gartenanlage sehr aufwendig restauriert mit z. T. sehr altem Baumbestand
Eigentümer Dr. Theodor Frank, Bankdirektor und Kommerzienrat, der kurz nach 1933 Deutschland verlassen hat
Ab 1945 Wohnsitz für einen sowjetischen General, und den DDR Industrieminister Fritz Selbmann, dann bis 1994 Kinderheim „Lotte Pulewka“,nach 1990 Restitution an die Nachkommen der Familie Frank, währenddessen Leerstand und Verwahrlosung, Renovierung und Instandsetzung in den letzten Jahren

Literatur:
Anna Teut, Architektur im Dritten Reich, Frankfurt/Main und Berlin, 1967
Winfried Nerdinger und Bauhaus Archiv (Hrsg.),Bauhaus-Moderne im Nationalsozialismus, München 1993
Modell Bauhaus, Katalog der Ausstellung der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau, Berlin 2009, Hrsg. Bauhaus-Archiv Berlin, Museum für Gestaltung – Stiftung Bauhaus Dessau und Klassik-Stiftung Weimar, Ostfildern 2009
Modernes Haus am Schwielowsee, Artikel von A. Austillat im Tagesspiegel v. 25.1.1998
Dietrich Worbs, Ernst Ludwig Freud in Berlin, in Bauwelt 42 v. 7.11.1997
Frank Rattay, „Die Architekten sind fort, aber ihre Gebäude sind noch da“ – Jüdische Baumeister in Zehlendorf, in: Jahrbuch 2007 für Zehlendorf, Hrsg. Heimatverein Zehlendorf, Berlin 2006
Publikationen zu Martin Punitzer s. Claudia Marcy
Zu allen jüdischen Architekten, MW, deutsche jüdische Architekten- Das Lexikon, Berlin 2005 Berlin, den 6.9.2009

Zum Tag des offenen Denkmals 2009 laden wir ein zur Architekturführung: Gartenanlagen Weiße Stadt – UNESCO Welterbe
Führung Dr. Günter Schlusche
Sonntag, 13. September um 14:00 Uhr
Treffpunkt: Kreuzung Aroser Allee / Emmentaler Straße, Berlin-Reinickendorf
Maximal 30 Personen, Anmeldung erforderlich bis 11.9. bei Markus Hawlik (markushawlik@tonline.de) Verkehrsverbindungen: U-Bahnhof Residenzstr. (U8), Bus 322

Die Siedlung „Weiße Stadt“ wurde 1929-31 von den Architekten Rudolf Salvisberg, Wilhelm Büning und Bruno Ahrends errichtet. Für die Gestaltung der zwischen den 3-5-geschossigen Zeilen- und Randbauten gelegenen Freifläche, die nicht in Einzelgärten aufgeteilt werden sollte, wurde der jüdische Gartenarchitekt Ludwig Lesser berufen. Sein soziales Anliegen war es, Gärten zu errichten, die nicht nur zum Spazierengehen, sondern auch zur allgemeinen Erholung dienen sollten. In der Führung wird sowohl die gärtnerische Anlage als auch die Architektur der Siedlung vorgestellt.

Kurzbericht von Günter Schlusche zur Führung der Gesellschaft zur Erforschung des Lebens und Wirkens deutschsprachiger Architekten am Tag des Offenen Denkmals, Sonntag 13.9.2009 zu den Gartenanlagen von Ludwig Lesser der Weißen Stadt, Berlin-Reinickendorf, Aroser Allee, Emmentaler und Genfer Str.
Teilnehmer ca. 22 Personen (darunter Andrea Lerner), gute Stimmung und großes Interesse trotz regnerischem Wetter
Treffpunkt Aroser Allee, Kreuzung Emmentaler Str. (Mittelstreifen mit Infostele zu Ludwig Lesser, weitere Infostelen zu den Architekten Salvisberg, Büning und Ahrends auf dem Mittelstreifen der Aroser Allee bis zum Brückenhaus)

Der Gartenarchitekt Ludwig Lesser (1869 – 1957)
Geboren 3.2.1869 in Berlin in einer alten jüdischen Familie (Mehrere nicht verwandte Architekten mit dem Namen Lesser z.B. Moritz Ernst Lesser und Willy Lesser)
1884 konvertierte seine Familie aus freien Stücken zum Christentum
Sein Vater hatte mehrere Berufe, darunter auch den eines Gärtners und Häusermaklers mit Sitz in Steglitz, „Lessers Farm“ an der Birkbuschstr.(Nähe Teltowkanal)
Ausbildung als Gärtner in Augsburg, Genf und Darmstadt
Ab 1902 entwerfender und ausführender Gartenarchitekt
Erster freischaffender Gartenarchitekt Deutschlands mit Büro in Berlin, ab 1928 mit seinem Sohn Richard Lesser, zahlreiche öffentliche Aufträge
1913 Mitbegründer des deutschen Volksparkbundes Mitglied und ab 1923 Präsident der Deutschen Gartenbaugesellschaft
Viele Publikationen und Vorträge, Dozent an der Lessing Hochschule, Rundfunk- Redakteur mit regelmäßiger Sendung zum Gartenbau
Im Mittelpunkt Volksparks –das große Reformkonzept des Neuen Bauens der 20 er Jahre in Berlin und in Deutschland (Publikation von LL: „Volksparks – heute und morgen“ 1927)
Ab 1933 Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten:
1933 erzwungener Rücktritt vom Vorsitz der DGG und Entlassung als Dozent (s. Schreiben der Lessing-Hochschule v. 17.6.33 auf S. 14 der Biographie von Lesser-Seyrac)
Ab 1934 Entzug der öffentlichen Aufträge, da L.L. aufgrund der Rassegesetze als „Volljude“ galt und zunehmender Verlust der Privataufträge.
1936 erzwungener Verkauf des eigenen Hauses, und 1939 erzwungene Annahme des zusätzlichen Vornamens Israel 1939 (70 Jahre alt)
Auswanderung mit seiner Frau nach Schweden, wo sein Sohn Richard bereits seit 1936 lebte, Wohnsitz bei Stockholm und Entzug der Staatsbürgerschaft
Erst ab 1948 schwedischer Staatsbürger.
Nie wieder Rückkehr nach Deutschland, aber rege Kontakte und Publikationen nach bzw. für Deutschland.
Tod in Schweden 1957 im Alter von 88 Jahren
Wichtigste Projekte
Landhaussiedlung Saarow-Pieskow am Scharmützelsee (1907-1910)
Gartenstadt Frohnau (ab 1909), Konzeption der Freianlagen, insbesondere des Ludolfinger und des Zeltinger Platzes, des Rosenangers
Bahnhofsplatz Hermsdorf
Gartenstadt Falkenberg (1913-16, Architekt Bruno Taut)
Gartenstadt Staaken (1914- 1017 Architekt: Paul Schmitthenner)
Ausstellung „Sonne, Luft und Haus für alle“ Messegelände am Funkturm (1932)
Viele Privatgärten für Landhäuser und Villen inner- und außerhalb Berlins
und die Weiße Stadt 1929 bis 1931 (s. Auszug aus BusB)
Die Weiße Stadt ( Baudenkmal und Gartendenkmal gemäß Berliner Denkmalschutzgesetz, seit 2008 Weltkulturerbe zusammen mit Großsiedlung Britz „Hufeisensiedlung“, Gartenstadt Falkenberg, Siedlung Schillerpark, Wohnstadt Carl Legien, Großsiedlung Siemensstadt)

Daten: 1255 Whg. mit durchschnittlich 60 m² (überwiegend 1 ½ -, 2- und 2 ½ -Zi Whg.) Grundstücksfläche 123.507 m², davon 60.000m² Garten- und Freifläche Bauzeit 1929 bis 1931
Bauherr Gemeinnützige Heimstättengesellschaft „Primus“, ab 1934 GSW, seit 2006 überwiegend GEHAG Initiative zum Bau 1929 durch die Stadt Berlin bzw. durch Stadtbaurat Martin Wagner, der auch die folgenden Architekten auswählte: Otto Rudolf Salvisberg, Bruno Ahrends, Wilhelm Büning (sowie Friedrich Paulsen) und als Gartenarchitekt LL
Fertigstellung 1931 mit Zentralheizwerk (1968 abgerissen), 24 Läden, Kinderheim, Mietergärten, opulente Ausstattung mit Läden und Dienstleistungseinrichtungen.

Kaum Kriegszerstörungen, hoher Anteil an originaler Bausubstanz
Freiraumanlagen von LL überwiegend noch vorhanden, aber z. T. verändert und überformt
Städtebauliches Konzept von O.R. Salvisberg (Schweizer Architekt, in Berlin und in der Schweiz tätig, seit 1928 Professor an der ETH Zürich, ab 1930 verstärkte Tätigkeit in der Schweiz, dort Hausarchitekt von Hoffmann La Roche)
Markante Elemente: Das Brückenhaus von Salvisberg und die torartigen Kopfbauten von Ahrends
Wegen des weißen Anstrichs der Wandflächen bürgerte sich der Name Weiße Stadt ein, die plastischen Bauteile (Dachüberstände, tiefliegende Fenster, Eingangstüren und Fallrohre) waren dagegen farbig Städtebauliches Konzept geprägt durch die Kombination von Zeilenbau und Blockrandbau (besonders auffällig in dem Teil von Büning) Dadurch entstehende längsausgerichtete Höfe werden von Lesser als gemeinschaftlich nutzbare Siedlungsgärten konzipiert: Funktionelle Grünräume mit Sitz und Kinderspielplätzen, offen untergliedert mit Heckenstrukturen und funktional gefüllt durch Gemeinschaftseinrichtungen Spielplätze, Kinderheim(garten), Ruheplätze, die mit Bäumen akzentuiert sind.

Mietergärten im Bauteil Salvisberg zum Romanshorner Weg durch Hecken gefasst, ebenso die Mittelpromenade der Aroser Allee (leider heute nicht mehr erhalten)
Denkmalpflegerische Instandsetzung der Siedlung (Wohnbauten und Gärten) ist in Gang gekommen seit Mitte der 80 er Jahre (zwei Höfe im Bauteil Büning wurden erneuert) Rekonstruktion des Siedlungsfreiraums gemäß dem Konzept Lesser im östlichen Teil des Blocks von Ahrends, außerdem die Freianlagen der Kindertagesstätte

Bruno Ahrends geboren Arons (1878 Berlin – 1948 Kapstadt) Sohn des Bankiers Barthold Arons (1852 – 1934) und Neffe des Großkaufmanns und Museumsmäzens James Simon (1851 – 1932) Studium an der TH München und der TH Charlottenburg (TU Berlin), Übertritt zum Christentum und Änderung des Geburtsnamens Arons in Ahrends Architekt in Magdeburg und Hannover, ab 1910 in Berlin, selbständiges Büro Erstes Haus in der Dahlemer Miquelstr, heute Sitz des Bundespräsidenten. Architekt von Villen und Landhäusern im Norden und Südwesten Berlins Ab 1933 Berufsverbot, 1936 Flucht nach Italien, 1939 nach England, dort vorübergehender Internierung, 1948 Emigration nach Südafrika und Tod in Kapstadt

Jüdische Architekten vor und nach 1933
Vor 1933 ca. 450 jüdische Architekten in Deutschland, davon ca. 165 mit eigenen Büros (100 davon in Berlin) Nach 1933 wurden alle mit Berufsverbot belegt, (keine Aufnahme in die Reichskulturkammer. s. Text in Beitrag Frank Rattay: Faksimile des Briefs der RKK an Weitzmann)
22.9.1933 Gründung der Reichskulturkammer unter Vorsitz von Joseph Goebbels mit 7 Einzelkammern, darunter der „Reichskammer für bildende Künste“ (Präsident Adolf Ziegler)
Zwangsmitgliedschaft für alle „Kulturschaffenden“ bei gleichzeitiger Auflösung der übrigen noch existierenden Berufsverbände (Deutscher Werkbund, AIV,BDA) und Kammern GF der RKK: Hans Hinkel mit dem Sonderauftrag zur „Entjudung des deutschen Kulturlebens“
Ca. 175 jüd. Architekten gelang die Flucht, meist bis 1939, in 16 versch. Länder v.a. nach Palästina/Israel, England und in die USA (Das Beispiel Gustav Neustein, s MW, Das Lexikon, S.374) Flüchtlinge der ersten Stunde: Bruno Ahrends, Fred Forbat, Rudolf Fränkel, Alexander Klein, Erich Mendelsohn, Harry Rosenthal, Leo Adler
Mindestens 84 jüdische Architekten wurden deportiert und ermordet, darunter Alexander Beer (Baumeister der Jüdischen Gemeinde Berlin, Tochter Beate Hammett), Paul Salinger, Richard und Paul Ehrlich, Siegfried Bernstein, Paul Meller, Erich Gloeden (geb. Loevy)

Hinweis auf Artikel in der Berliner Morgenpost, Beilage zu den Jüdischen Kulturtagen, August/September 2009

Literatur zu Lesser und zur Weißen Stadt:
Katrin Lesser-Seyrac, Ludwig Lesser (1869-1957), Hrsg. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung Berlin, 1995 Siedlungen der Berliner Moderne – Nominierung für die Welterbeliste der Unesco, Hrsg. Landesdenkmalamt i. A. der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Berlin 2007 (Bewerbungsschrift für die 2008 erfolgte Aufnahme in das Welterbe-Programm)
Klaus-Peter Kloß, Siedlungen der zwanziger Jahre, Berlin 1982
Berlin und seine Bauten, Teil IV, Wohnungsbau, Band A und B

Berlin, den 13.9.2009

 

Architekturführung für die Raoul Wallenberg Loge e.V.: Villen und Landhäuser im Südwesten – 90 Jahre Bauhaus
Führung Dr. Günter Schlusche Sonntag, 8. November