Berichte über die Vorträge der Tagung

Die internationale Tagung thematisiert den Einfluss jüdischer Architekten und Architektinnen aus den osteuropäischen Ländern, die an den Reformbewegungen des frühen 20. Jahrhunderts in Architektur und Städtebau wesentlichen Anteil hatten und das Neue Bauen maßgeblich prägten. Bis heute sind die spezifischen Ausprägungen des Neuen Bauens in Osteuropa und die zahlreichen Beiträge osteuropäischer Architekten und Städtebauer weder in der Forschung noch im öffentlichen Bewusstsein angemessen dargestellt. Dabei waren jüdische Architekten aufgrund sozioökonomischer Vorprägungen in vielfältiger Weise beteiligt, gerade im deutschsprachigen Raum, wo institutionelle Netzwerke, wie das Bauhaus oder der Werkbund, aber auch Hochschulen und Akademien intensiven Einfluss ausübten. Durch die Verfolgung im Nationalsozialismus, durch Exil und Emigration sind sie wie in Deutschland oft in Vergessenheit geraten. Ziel der Tagung ist es, anhand ihrer Werke und Biografien die Wechselwirkungen und Austauschprozesse zu rekonstruieren. Welchen Einfluss hatten die jüdischen Architekten in Osteuropa auf die Entwicklung des Neuen Bauens im eigenen Land? Gab es institutionelle Netzwerke, die die Entwicklung beeinflussten? Und welche Schicksale erfuhren sie durch die Naziherrschaft? Zwölf Wissenschaftler und Hochschullehrer aus neun osteuropäischen Ländern sowie Deutschland werden in ihren Vorträgen diese Fragen behandeln. Die Tagung bildet den Auftakt für weitere Kooperationen in Mittel- und Osteuropa. Vorträge in deutscher und englischer Sprache wie angegeben. Auf Wunsch wird übersetzt.
The central theme of this international conference is the influence of eastern European Jewish architects, who played a significant role in the reform movements in architecture and urban planning early in the 20th century and helped shape modernist architecture, or Neues Bauen. Up until now, the distinctive expressions of Neues Bauen in eastern Europe – and the abundant contributions made by local architects and urban planners to its development – have not received adequate recognition either in scholarly research or in public awareness. Due to socioeconomic factors, the local architects involved were often Jewish, particularly in German-speaking areas where institutional networks, such as the Bauhaus and the Werkbund, and academic institutions were influential. As in Germany, due to National Socialist persecution, exile or emigration, the architects themselves have frequently been forgotten. The aim of the conference is to reconstruct the interactions and exchanges through their works and biographies. What influence did eastern European Jewish architects have on the development of modernist architecture in their area? Were there institutional networks that influenced this development? And what were the fates of these individuals under Nazi rule? Twelve scholars and professors from nine eastern European countries and from Germany will address these questions in their lectures. Their findings will lay the foundation for further cooperative projects in Central and Eastern Europe. Lectures in German and English language as indicated. Translation on demand.
Vorträge und Berichte von Experten aus der Ukraine, der Slowakei, aus Polen, Rumänien, Weißrussland, Litauen, Lettland, Deutschland und weiteren Ländern. Die Tagung fand an beiden Tagen großes Interesse beim interessierten Fachpublikum. Im folgenden stellen wir die Referenten mit einer kurzen Angabe zu ihrem Vortrag vor.
Frau Dr. Ines Sonder von der Gesellschaft Jüdischer Architekten eröffnet das dreitägige Symposium
Grußwort von Herrn Prof. Dr. Jörg Gleiter

Vortrag Herr Dr. Romuald Loegler (Andrzej-Frycz-Modrzewski-Akademie Krakow/Polen)
Seit dem Jahr 1918 , in dem Polen als Nationalstaat neu entstand, spielte die Architektur für das Land eine besondere Rolle – sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene. Für die bauliche Selbstdarstellung der neu geschaffenen staatlichen Institutionen, aber auch für die Neuplanung von Städten und Stadtteilen griffen viele polnischen Architekten auf die Ideen des CIAM und des Bauhaus zurück. In Städten wie Gdynia, Łódź und Warschau ist dies besonders gut erkennbar. Hier waren auch zahlreiche jüdische Architekten engagiert, deren Bauten sich auch heute durch Innovation und künstlerische Qualität auszeichnen.
Vortrag Herr Prof. Cherkes (Lwiw/Ukraine)
Der Architekt Ferdinand Kassler und weitere jüdische Architekten Lembergs in der Zwischenkriegszeit
Ferdinand Kassler (1883 -1942) war zu Beginn des 20. Jahrhunderts der bedeutendste Architekt der westukrainischen Stadt Lwiw/Lemberg, der „Stadt zwischen den Grenzen“. Ausgebildet in der Zeit des Habsburger Reichs, gehörte er mit Architekten wie Bruno Schulz (1892 – 1942) und Simon Wiesenthal (1908 – 2005) zu den typischen Repräsentanten des multiethnischen und vielsprachigen Milieus dieser Stadt. Kasslers reichhaltiges architektonisches Werk ist durch die Hinwendung zur Moderne geprägt, maßgeblich mit dem ebenfalls jüdischen Geschäftsmann Jonas Sprecher als Auftraggeber verbunden und ist bis heute in Lwiw präsent.
Herr Dr. Günter Schlusche stellt Frau Dr. Störtkuhl vor

Vortrag Frau Simona Or-Munteanu (Bukarest, Rumänien)
A Pioneer of Modern Architecture in Bucharest revealed: Harry Stern
Harry Stern (1909 – 1954) war ein rumänischer jüdischer Architekt, der mit seiner sowohl rationalen wie auch lyrischen Architektursprache einen signifikanten Beitrag zur Moderne der Zwischenkriegszeit in Bukarest leistete. Von 1939 bis 1945 führte er die Architekturabteilung des jüdischen Bercovici-Kollegs und setzte seine Arbeit nach 1945 als Dekan der Architekturabteilung der Universität Bukarest fort.. Auch in den dunklen Zeiten behielt er einen prägenden Einfluss als Pädagoge wie auch als Praktiker.
Vortrag Herr Prof. Dr. Igor Dukhan (Belarusian State University, Minsk, Weissrussland)
El Lissitzky in Belarus and Germany: In search for a Jewish style and future architecture
The lecture will concentrate on El Lissitzky and Issachar Ber Ryback tour to Jewish sites in Belarus and Ukraine, Lissitzky’s contribution to theory and architectural design in UNOVIS (Vitebsk, Belarus, 1919-1921), and further and reminiscences of his creativity in Belarus and USSR during his stay in Germany (1922-1925). A special analysis will be devoted to re-interpretation of Lissitzky’s presentation to Milgrouim (Berlin) with the remembrances and drawings of Mohylev synagogue.

Vortrag Herr Robert Piotrowski (Gorzow/Polen)
Ein unbekannter Onkel Walter Benjamins? Landsberg an der Warthe und der Berliner Architekt Fritz Crzellitzer
Im damals (ost-)brandenburgischen Landsberg an der Warthe – heute Gorzów Wielkopolski in Polen – erstaunt bis heute ein monumentaler und durchaus ästhetischer Bau jeden, der in der Stadt vor der Fassade des einstigen Volksbades von 1930 steht. Man bekommt auch andere, überwiegend Wohnungsbauten, zu sehen, die den progressiven Zügen der Epoche entsprechen. Welche Wege dazu führten, dass die Provinzstadt von dem jüdischen Architekten Fritz Crzellitzer so bereichert wurde? Welche weiteren Kreise zeichnen sich dabei ab, und was hat das mit der Geschichte des Flaneurs Walter Benjamin zu tun? Was bringt das einstige Landsberg mit Gildenhall (Neuruppin) in Berührung?.
Vortrag Frau Prof. Dr. Marija Dremaite (Vilnius/Litauen)
Jewish architects in construction of modern Lithuania, 1919-1939. A collective portrait
During the construction of modern, independent Republic of Lithuania in 1918-1940, the lack of architects was a well known problem .
It was especially important since 1919, when the second largest city Kaunas unexpectedly became the provisional capital, and lasted under such status until 1939. During this period a new professional community of architects was gradually developed, making up to 300 architects, construction engineers, technicians and builders. The large group of Jewish architects and construction engineers was an integral part of the process, therefore in the talk the collective portrait of Jewish architects is presented, covering their education, main projects, transfer of ideas and migration.
Vortrag Frau PD Dr. habil. Zuzana Güllendi-Cimprichová (Otto-Friedrich-Universität Bamberg)
Neuer Staat, neue Bauaufgaben. Deutschsprachige jüdische Architekten in der Tschechoslowakei und ihr Beitrag zur Wohnbaudiskussion zwischen den beiden Weltkriegen
Die Gründung der Tschechoslowakei im Jahre 1918 brachte neue architektonische Herausforderungen mit sich. Das rasche Wachstum der Metropolen Prag und Brünn führte zu urbanen und sozialen Transformationen, die sich im Bereich des Wohnungsbaus besonders stark manifestierten. In dieser Zeit kommt zum Wort eine junge Generation der deutschsprachigen jüdischen Architekten, die zum Wohnbaudiskussion wesentlich beigetragen hat. Es handelte sich insbesondere um die Absolventen der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn, deren spezifische Architekturpositionen im Vortrag vorgestellt werden.
Vortrag Frau Dr. Beate Störtkuhl (Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg)
Hugo Leipziger-Pearce (1902-1998) – Wohnungs- und Städtebau zwischen Breslau und Austin/Texas
Vortrag Herr Dr. Grzegorz Rytel (Warsaw University of Technology, Polen)
From Poland to Brazil: The Life and Work of Lucjan Korngold
Herr Dipl. Ing. Alex Dill (DOCOMOMO)
Trägt für die verhinderte Referentin Maria Bostenaru-Dan ihren Beitrag zu Rudolf Fränkel in Bukarest und in Montreal vor
Vortrag Prof. Rudolf Klein (Szent-Istvan-Universität Budapest, Ungarn)
Gehalten von Frau Claudia Marcy und Herr Ronny Golz, da Prof. Klein seine Teilnahme krankheitsbedingt absagen musste
Neu-Leopoldstadt – „Modernes Jerusalem“ am Donauufer in Budapest
In this lecture I shall present Újlipótváros, or the New Leopold Town, in Budapest, built in the 1930s. This is one of the largest and most compact modernist Jewish middle class quarters in Europe, a little ‚town in town,‘ set along the left embankment of the Danube River.
It features a pronounced main square facing the riverside, an imposing main street and it harbours luxurious cafés, little specialized shops and hidden synagogues. Once almost hundred percent Jewish, today Újlipótváros has up to 25-30% Jewish population, a home to many prominent Jewish intellectuals in the past ninety years.
Its most important feature is architectural style. Emancipated Jews chose to build their houses in an easily recognizable modern style that highlighted their liberal leftist values, as opposed to the conservative, anti-modern spirit of interwar Hungary.
Wir bedanken uns bei Herrn Robert K. Huber für die Unterstützung der zukunftsgeräusche GbR, in deren Pavillon „Bauhaus reuse“ auf dem Ernst-Reuter-Platz unsere Tagung stattfand.
Aufnahmen von Herrn Arnas Diemann © zukunftsgeräusche und als solche gekennzeichnet.
Alle weiteren Fotos von Herrn © Markus Hawlik-Abramowitz von der Gesellschaft
Ein Projekt im Rahmen der Triennale der Moderne aus Anlass von „100 Jahre Bauhaus“ mit Unterstützung des Landesdenkmalamts Berlin.
Kooperationspartner der Veranstaltung sind:
Prof. Dr. Jörg Gleiter, Fachgebiet Architekturtheorie, Institut für Architektur der Technischen Universität Berlin
Dr. Beate Störtkuhl, Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg
Dr. Romuald Loegler, Architekt SARP, Krakow/Polen
Dr. Ines Sonder, Moses Mendelsohn Zentrum Potsdam
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Termin: Freitag, den 22.11.19 bis Samstag, den 23.11.2019
Ort: „bauhaus reuse“ Pavillon auf der Mittelinsel des Ernst-Reuter-Platzes in 10623 Berlin
Bustour zu Bauten jüdischer Architekten
Termin: Sonntag, 24.11.19 12:00 – 15:00
Treffpunkt: Ernst-Reuter-Platz/ Ecke Straße des 17. Juni, 10623 Berlin
mit Marie-Josée Seipelt, Sebastian Klarhoefer und Claudia Marcy
Die erste Station unserer Bustour ist die Weltkulturerbe-Siedlung „Weiße Stadt“, die neben Otto Rudolf Salvisberg und Wilhelm Brüning, von dem jüdischen Architekten Bruno Ahrends und dem jüdischen Gartenarchitekten Ludwig Lesser geplant worden ist.
Die zweite Station widmet sich der Gartenstadt Atlantic von Rudolf Fränkel.
Nach den Siedlungen stehen verschiedene „Bauten der Großstadt“ auf dem Programm: die ehemalige jüdische Mädchenschule von Alexander Beer, die Volksbühne von Oskar Kaufmann, die Australische Botschaft von Fritz Crzellitzer und das ehemalige AOK-Gebäude von Albert Gottheiner. Als letztes werden wir das Haus der Metallarbeiter von Erich Mendelsohn besuchen.
Bis auf wenige Ausnahmen sind alle Bauten nur von außen zu besichtigen.


















